ARJUNA SPRACH
Ich sehe der Verwandten Schar, o Krishna, kampfbereit genaht,
Da werden meine Glieder schwach und es verdorret mir der Mund,29
Ein Zittern geht durch mein Gebein und meine Haare sträuben sich;
Gândîva[74] sinkt mir aus der Hand, die Haut an meinem Körper brennt,30
Nicht länger kann ich aufrecht stehn, wie unstät irrt mein Geist umher.
Und Zeichen schau ich, aber ach, gar böse Zeichen, Keçava[75]!31
Kein Heil mehr seh' ich, wenn im Kampf ich die Verwandten umgebracht.
Krishna, den Sieg begehr' ich nicht, noch Herrschaft, noch die Freuden all!32
Was soll die Königsherrschaft uns, was der Genuß, das Leben selbst?
Um derentwillen wünschenswert Herrschaft, Besitz und Freuden sind,33
Die stehn in Reihen hier, im Kampf aufopfernd Leben, Hab und Gut.
Lehrer, Väter und Söhne sind's und ebenso Großväter auch;34
Oheime, Schwäher, Enkel sind's, Schwäger wie auch Verwandte sonst.
Diese zu töten wünsch' ich nicht, und sollten sie mich töten auch,35
Selbst um der Dreiwelt Herrschaft nicht, – wie denn um Erdenherrschaft nur?
Wenn Dhritarâshtras Söhne wir gefällt, wie würden je wir froh?36
Die Sünde haftete uns an, wenn diese Gegner wir gefällt.
Darum nicht dürfen töten wir der blutsverwandten Kuru Schar;37
Wenn wir den eignen Stamm gefällt, wie könnten je wir glücklich sein?
Und wenn auch diese es nicht sehn, durch Gier beraubet des Verstand's,38
Daß Sünde im Verwandtenmord und Schuld in Freundeskränkung liegt;
Wie sollten wir's verstehen nicht, vom Bösen uns zu wenden ab,39
Die wir doch den Verwandtenmord als Sünde deutlich vor uns sehn?
Bei Stammesmord zu Grunde gehn die alten Stammespflichten auch;40
Ist dies geschehn, bemächtigt sich das Unrecht bald des ganzen Stamms.
Dann, durch des Unrechts Übermacht, sind bald verderbt des Stammes Frau'n,41
Und sind die Frauen erst verderbt, tritt auch die Kastenmischung ein.
Die Mischung führt zur Hölle hin die Stammesmörder wie den Stamm;42
Verlust der Manenopfer stürzt die Väter aus der Sel'gen Reich[76].
So durch der Stammesmörder Schuld, die selbst zur Kastenmischung führt,43
Auflösen sich die ewigen Standes- und Stammespflichten all.
Wo aber in der Menschenwelt die Stammespflichten aufgelöst,44
Folgt unausweichlich Höllenpein als Strafe – also hörten wir.
O weh, wie schwere, sünd'ge Tat sind wir entschlossen hier zu tun,45
Da aus Begier nach Thron und Glück wir morden wollen unsern Stamm!
Wenn wehrlos, ohne Widerstand, die Dhritarâshtra-Söhne mich46
Erschlagen wollten in dem Kampf, – fürwahr, mir würde wohler sein!
SANJAYA SPRACH
So sprach im Kampfe Arjuna und ließ im Wagen nieder sich,47
Ließ fahren Pfeil und Bogen da, durch Schmerz verwirrt in seinem Geist.
[ZWEITER GESANG]
SANJAYA SPRACH
Als so von Mitleid übermannt und tränenüberströmten Aug's1
Arjuna in Betrübnis sank, sprach Krishna zu ihm dieses Wort:
DER ERHABENE SPRACH
Woher kommt dieser Kleinmut dir im Augenblicke der Gefahr?2
Unrühmlich und unwürdig ganz des edlen Manns, o Arjuna!
Verbanne die Unmännlichkeit! Sie ziemt dir nicht, o Prithâ-Sohn!3
Die Schwäche, die erbärmlich ist, gib auf! Erhebe dich, du Held!