Aber er findet im Beth-Hamidrasch keinen von seinen Freunden. Sie haben nicht so nahe wie er, so sind sie nicht gekommen. Der Schmutz hat sie umschlossen wie eine Wüste. So steht er einsam und allein unter den Erwachsenen, die schnell beten, und hat gar keine Lust, mitzubeten. Ihn beschäftigt nur eine einzige Frage: was soll er mit dem Ring tun? Soll er ihn verkaufen? Woher dann einen Käufer nehmen? Er muß ihn zuvor putzen, und zwar mit der Pasta, womit der Diener die Leuchter im Beth-Hamidrasch für die Feiertage putzt. Jede Ware gilt, wonach sie aussieht. Wenn der Ring wie neu sein wird, wird sich vielleicht irgendwie ein Bräutigam finden, der ihn als Verlobungsring kauft. Aber der Diener ist bärbeißig, er ist ein Soldat noch aus der Zeit Nikolaus I., und er jagt Awremel fort und läßt ihn nicht einmal zusehen. So geht Awremel fort und blickt voll Neid auf die neue Borte an dem Gebetmantel des reichen Reb Jeschua Heschel. Auch sie ist aus Silber; aber weil das Silber schön poliert ist, blühen zwischen den Fäden Lichtfunken wie goldene Augen. Und Awremel schlendert weiter und putzt seinen Ring, damit er ebenso schön glänze. Er reibt ihn am Leder seiner Schuhe und an dem Futter seines Rockes; und dabei belauscht er das Gespräch zweier Schnorrer, die einander erzählen, durch wieviele Dörfer und Städte sie in ihrem Leben gekommen sind. Der Dajan Reb Selig legt jetzt T’fillin; es ist schon spät und der Ring glänzt schon, aber er glänzt noch bei weitem nicht so, wie die Borte. Er will weiterputzen, während er zusieht, wie der Dajan seine T’fillin abnimmt und die Riemen zusammenlegt wie die Flügel einer Taube. Und Awremel putzt und putzt. Der Dajan hat bereits dreimal die Decke der Bundeslade geküßt, dann ist er fortgegangen; das Beth-Hamidrasch leert sich, Awremel wird müde und weiß nicht, wieweit er in seinem Gebete gekommen ist. Sein Herz ist leer und er schluckt vor Hunger seinen Speichel. Aber doch ist es ihm angenehm, so einsam und allein auf der Fensterbank zu sitzen, die von der Sonne beschienen ist, und in die Gasse zu sehen.
„Die Zeit unserer Freiheit.“ Freiheit ist ein schönes Ding. Es gibt keinen Zwang der Schule, keinen Zwang des Hauses; es ist still, friedlich und licht. Er sitzt da, schaut hinaus und weiß, daß an seinem Finger ein dicker silberner Ring glänzt; er sieht Wasserlachen im Schmutz der Straße stehen, moorartige Pfützen, die aber glitzern wie helles Gold und Märchen von rieselnden Quellen erzählen. Eine Kuh mit hängendem Bauch und vollem Euter, deren Rippen sich wie Beulen aus der schmutzigen Haut heben, steht regungslos, wie eine Statue, nahe der Wand. Sie zuckt nicht, kaut nicht wieder, bewegt kein Ohr; sie ist nur damit beschäftigt, ihren ausgefrorenen Körper der Sonne hinzuhalten. Ein großer Hahn mit seinen Hühnern bricht mit großem Aufruhr aus einem Bodenfenster; sie haben sich gegen ihren Zwingherrn empört, die Steige zerbrochen und verbreiten sich nun mit Gekreisch und Gegacker über das Dach. Der Hahn schlägt mit den Flügeln und ruft seine Freiheit mit lautem Kikeriki vom Dachfirst aus in die Welt. Zwei Leute tragen an einer Stange einen großen Korb voll Mazzoth vorbei, die im Sonnenschein leuchten; Awremel spürt ihren warmen Duft durch das Fenster und sein Hunger zerrt in ihm.
Er springt von der Fensterbank und will sich einreden, daß er schon zu Ende gebetet hat. Ist es denn anzunehmen, daß er bis zur Essenszeit mit dem Gebete nicht fertig geworden sein sollte? Da erscheinen eben zwei junge Leute, die miteinander eifrig und leise sprechen; anscheinend disputieren sie über eine wichtige Sache. Awremel ist der Meinung, es lohne sich, ihnen zuzuhören; und als sie stehen bleiben, schleicht er sich in ihre Nähe. Die Zeit, die er lauschend verbringt, kann ja zugleich für ein Gebet gelten; auf eins mehr oder weniger kommt es wahrhaftig nicht mehr an. So hört er, wie der eine, der Rote, zu dem Blassen mit dem dicken wollenen Halstuch sagt:
„Und glaubst du denn, das Hohelied sei wirklich eine Allegorie auf das Volk Israel? Gar keine Spur, sage ich dir! Es sind einfach Liebesgespräche zwischen Salomo und Sulamith und ihrem Herzensfreunde, dem Hirten....“
Der Blasse staunt und zweifelt, sein Gesicht flammt auf und er fragt: „Wie?“
Da springt Awremel aus seinem Lauscherwinkel hervor, lacht den beiden ins Gesicht und läuft aus dem Beth-Hamidrasch. Hinter dem Hause, unter einer Leiter und auf einem umgekehrten Faß ißt er sein Mittagmahl, Butterbrot, das ihm die Mutter gegeben, und ein Stück Zucker, das er „genommen“ hat. Und da er satt und zufrieden ist, findet er keinen anderen Platz als diese Leiter. Er steigt hinauf und steht schon auf der letzten Sprosse; alles in ihm spricht: „Die Zeit unserer Freiheit.“ Die Freiheit pocht in seinem Herzen wie ein gefangener Vogel, der an die Wände seines Käfigs pickt und davonfliegen möchte. Alle Dächer leuchten im Lichte der Freiheit; er hätte Lust, sich mit einem Satz auf den First zu schwingen und von Dach zu Dach über die ganze Stadt hinzuhüpfen.
„Sieh, da kommt er, springt über die Berge, hüpft über die Hügel. Mein Geliebter gleicht einem Reh oder dem jungen Hirsche.“
Zwei Störche, Boten der Freiheit, fliegen über ihm dahin. Und was sind all die Geräusche von den Höfen her, all das Kreischen, Schlagen, Reiben, was ist es? Sind das nicht Rufe der neuen Freiheit? Freiheit in der Welt, Freiheit im Hohenliede. Über die Bibelverse ist ein neues, heiteres Licht ausgegossen.
„Die Blumen zeigen sich im Lande, der Lenz ist gekommen und der Turteltaube Ruf läßt sich in unserm Lande hören. Der Feigenbaum, schon reifen seine Früchte...“ Wenn man das alles wörtlich und einfach nimmt, ohne Deutung, ohne „Das heißt“ und „Er will sagen“ — kluge Worte hat der Rote gesprochen.