Von der Leiter zum Dachboden ist’s nur ein Sprung.

Unter dem Dache herrscht ein geheimnisvolles Halbdunkel. Alles ist still, nur eine Henne gackert von der Steige im Winkel her. Und vom Dache hört man ein freches Zwitschern: die Vögel plaudern dort und kratzen mit den Klauen ihrer dünnen Füßchen in einem bescheidenen Winkelchen: Sulamith verbirgt sich dort. „Meine Taube in den Felsspalten, in den Steinritzen...“

Die Welt draußen lebt, freut sich, arbeitet, ist geschäftig; hierher entflieht, um sich zu verbergen, nur alles Weiche, alles Süße, das in jedem Laute lebt. Hier tönt nur die Stille und Heimlichkeit, das Zittern des Alls. Und dies bildet hier einen köstlichen Schatz, einen Schatz verborgener Freuden.

Ein Windhauch kommt seines Wegs vorüber, flüstert und klappert im Kamin, zwängt sich herein, bläst in den goldenen Staub, der in der Sonne tanzt, bewegt die Spinnenfäden und verschwindet wieder... Awremel hockt in seinem Versteck, im schattigen Winkel, er kauert sich noch enger zusammen und schließt die Augen vor der Wonne seiner vielen Genüsse. Und ihm ist, als hätte der Wind ihn mitgenommen und an einem einsamen Ort in einen weichen Schoß gelegt, dort zu schlafen wie ein Kind. Aber die neue Wonne, die ihn erfüllt, läßt ihn nicht schlafen. Er weiß nicht, was er mit seiner Seele, was er mit dieser Wonne anfangen soll — so wie er mit dem Ringe nichts anzufangen weiß. Er ist reich über alle Maßen und hat für seine Schätze keine Verwendung. Er steht auf und geht langsam vor, als schleiche er listig, die helle Freude der Welt zu haschen; er klettert auf die Hühnersteige und legt seinen Kopf zum Dachfenster hinaus: welche Weite, welche Welt erschließt sich ihm da!

Er sieht alles und niemand sieht ihn: als hätte er eine Tarnkappe aufgesetzt. Er ist ein Herrscher, der niemand über sich hat. Und jenseits der Dächer, jenseits der Höfe, jenseits der weißen Wäsche, die an den Schnüren hängt und sich im Winde bewegt, sieht er einen grünen Berg, auf dessen Gipfel ein helles Wäldchen in einem dünnen blaugrauen Nebel fast verborgen ruht. Und der Berg dehnt sich in den Nebel hinein ins Unendliche und schmilzt wie ein Stück Zucker in heißem Wasser. Awremels Blick schwebt über den Wolkenhügeln, die vom fernen Horizonte aufsteigen, weiß wie Perlmutter. Er schwebt über den Schneestreifen, die zerschmelzen und wie flüssiges Gold gleißen. Eine Herde von Schafen und Ziegen zieht den Berg herab, der ganze Abhang ist bunt und gefleckt; und in Awremels Seele regt es sich mächtig, daß er in einem lauten Gesange seinen Jubel Luft machen muß. „Tu mir kund, o du, den meine Seele liebt: Wo weidest du? wo lagerst du am Mittag?... — Mit mir, vom Libanon, o Braut, komm mit mir vom Libanon! Meine Schwester Braut, von den Löwenwohnungen, von den Pantherbergen!“

Er und seine „Schwester Braut“ wandeln nebeneinander, beide schweben leicht dahin, ohne die Erde zu berühren, aneinander geschmiegt in zartem Kosen, sie zittern und schweben in der Luft wie zwei junge Pflänzlein, von einem würzigen Windhauch berührt. „Ich will zum Balsamberge gehen und zum Weihrauchhügel.“

Er ruft sein Lied von der Höhe hinaus und eine dünne, zarte, klare Stimme antwortet ihm mit melancholischer Weise aus der Tiefe:

„Lieb Mütterlein, o schweige still,

Daß niemand es erfährt;

O lösche meines Herzens Höllenbrand: