Raschi, das heißt unsere naiven Alten, gab folgende Erklärung: All diese Mahnungen sollten ihn, den Gerechten, unsern Vater Abraham, befriedigen, damit er nicht sage: „‚Man wird mit ihnen arbeiten und wird sie plagen,‘ und so traf es ein, ‚und dann werden sie ausziehen mit reichem Gute,‘ und das traf nicht ein.“ Diese Erklärung, muß ich sagen, leuchtet mir nicht ganz ein. Wenn er, der Gerechte, soviel bei Gott vermochte, warum hat er dann die Knechtschaft in Mizrajim überhaupt zugelassen? Er hätte sofort protestieren sollen. Denn zu welchem Zweck und zu welchem Ende war die ganze Verbannung da? Das alte System der „läuternden Leiden“, der „versöhnenden Verbannung“ hatte schon damals keinen Sinn. Ein Volk, das eben erst begonnen hat, zu leben, hat noch gar nicht Zeit gehabt, so viel zu sündigen, daß das Elend der Knechtschaft kommen müßte, es zu läutern und zu bessern. Die Juden wären wahrscheinlich sogar ohne die Knechtschaft in Mizrajim auch Juden geworden und, wer weiß, vielleicht bessere als sie nach all dem Bessern und Läutern durch die Ägypter geworden sind...
Gewiß, das Elend läutert, — aber es läutert zu sehr; mit dem Schmutz läutert es auch das Fleisch weg und mit dem Fleische reißt es auch Stücke aus der Seele. Einem Schwerkranken sprach man von dem Lohn der Leiden; sie würden ihm ewige Seligkeit einbringen, er solle nur alle Schmerzen geduldig ertragen. Er aber sagte: „Nicht sie und nicht ihren Lohn!“ Ich bin sicher, daß das Elend in Mizrajim unsern Nationalcharakter sehr geschädigt und uns einen ewigen Jammer hinterlassen hat. Jetzt, nach Tausenden von Jahren, ist es uns schwer, uns unsern Volkscharakter und seine Eigenschaften ohne all diese Widerwärtigkeiten vorzustellen. Nicht die Verbannung in Babel und nicht die in Edom ist es, sondern dieses erste Verbannungselend, das uns plötzlich traf, als das Volk noch jung und zart war, ein Stoff, bereit, in der Hand des Bildners jede Form anzunehmen; dieses ägyptische Elend ist es, das furchtbar stark auf uns wirkte, und uns mit ewigem Schmutz bedeckte. Und es gibt noch heute keine schlechte Eigenschaft in unserem Volke, von der nicht wenigstens ein kleiner Teil von Mizrajim herstammt.
Alles in allem: diese Knechtschaft war durchaus nicht notwendig, ja sogar höchst überflüssig! Und jener Gerechte, der selbst eine Art von Freiherrn und Kavalier war (siehe sein Verhalten gegenüber Lot und dem König von Sodom), ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der kein Unrecht ansehen konnte und es wagte, mit wenigen Leuten, seinen Knechten und Hausgenossen, insgesamt 318 Mann, vier siegreiche Könige anzugreifen — ein „gerechter Ritter“ wie dieser wäre gewiß mit der ägyptischen Verbannung nicht einverstanden gewesen und hätte auch auf die Zusicherung verzichtet: „Auch das Volk, unter dem sie arbeiten werden, werde ich richten.“ Denn was für ein Vorteil ist hierbei? Was haben wir davon, daß es gerichtet worden ist? Ganz abgesehen davon, daß es gar nicht zum Charakter des Hebräers Abraham, d. h. zum wahren jüdischen Charakter, paßte, der durch und durch barmherzig und nicht rachsüchtig ist, der auch gegen seine ärgsten Feinde keinen Haß trägt, vielmehr in jedem Augenblicke bereit ist, zu verzeihen und mehr als das, alles zu vergessen, was man ihm angetan hat. Was für ein Nutzen ist in dem Strafgericht? Werden denn die Quäler umkehren auf ihrem Wege, werden sie denn Reue empfinden, daß sie die Juden ohne Ursache gepeinigt? Werden sie denn in Zukunft andere Wege wandeln? Wir wissen doch, daß die Leiden nicht die Sünden der Juden abwaschen; sondern jene erbittern sich nur noch mehr und gießen die ganze Schale des Zornes über die Juden aus.
Wahrscheinlich hätte Abraham gern auf das Strafgericht verzichtet, und natürlich erst recht auf das „reiche Gut“, er, der seinen wahren Wert kannte und der mit Stolz zu dem Könige von Sodom sagte: „Ich hebe meine Hand auf zu dem Herrn, daß ich keinen Faden und nicht einmal einen Schuhriemen von der Beute nehme.“ Nein, er jagte nicht dem Reichtum nach, nicht für sich und nicht für seine Nachkommen. Also nicht, um ihn zu versöhnen, spricht Moses von dem reichen Gute, das unsere Väter aus Mizrajim führen sollten; sondern es scheint ein wichtiger Hauptpunkt seines persönlichen Programms gewesen zu sein.
Und ich beginne ihn und sein System zu verstehen.
Es ist nicht anzunehmen, daß unsere Väter in Mizrajim ein großes Volksvermögen besessen haben. Wir kennen ja die ökonomische und finanzielle Lage jenes Landes nicht genau, aber wenn wir nach ihrer Staatsordnung urteilen sollen, die auf Sklaverei und auf eine eigentümliche Bürokratie gegründet war, war sie nicht besonders glänzend. Ein auf so faulen Grundlagen beruhender Staat konnte nicht reich werden. Ein freies Volk wird reich, es arbeitet für sich und fürchtet weder die Konkurrenz von außen noch Schwierigkeiten im Innern; aber ein faules und dem Trunk ergebenes Volk, das sich auf seine Knechte verläßt, kann nicht reich werden. Und wenn die Ägypter selbst so waren, konnten die Juden, ihre Sklaven, nicht wohlhabend sein. Wir wissen auch, daß das Volk hart und der König starrsinnig war; und in einem solchen Lande, wo der Judenhaß von allen Seiten drängt, von oben nach unten und von unten nach oben, von rechts nach links und von links nach rechts, wo sich die Führer des Volkes bemühen, die Juden vom Handel, ja überhaupt von jeder Arbeit und Beschäftigung fernzuhalten — gab es da irgendeine Möglichkeit, zu Wohlstand zu kommen? Für mich ist es unzweifelhaft, daß das Volk im ganzen, in seinen breiten Schichten, ein ganz armes Volk war, jedoch, wie immer im Exil, mit einem kleinen Häuflein von sehr reichen Leuten, denen es aus verschiedenen Ursachen, durch ein Zusammentreffen verschiedener günstiger Umstände, geglückt war, ein großes Vermögen zu erwerben, „reiches Gut“ in ihren Händen zu sammeln.
Und dieses reiche Gut war für unser Volk höchst notwendig. Nicht nur, um es aus Mizrajim hinauszuführen; noch mehr, um es nach Erez-Israel hineinzubringen und es dort festzusetzen. Denn aus Mizrajim zu ziehen, war ja noch nicht der schwerste Teil der Aufgabe. Und Moses befürchtete, und mit Recht, daß die Reichen in Israel, die wenigen Glücklichen und vom Schicksal Begünstigten, die trotz aller beschränkenden Gesetze Zeit genug gefunden hatten, um reich zu werden und ein schönes Vermögen zu sammeln, daß diese nicht einverstanden sein würden, auszuwandern, und erklären würden, sie wollten in Mizrajim bleiben. Und die Ersparnisse der Arbeit von 410 Jahren, die Früchte der schweren Mühen eines ganzen Volkes durch viele Geschlechter würden im Lande des Elends geblieben sein, das Volk aber hätte mit leeren Händen in sein neues Land kommen können. Mit leeren Händen gehen, mit leeren Händen kommen; mit leeren Händen aber ist es schwer, es vorwärts zu bringen.
Und darum begann er vom ersten Tage an, wo er kam, um dem Volke im Namen der zukünftigen Erlösung, im Namen des Vaterlandes zu sprechen, darum begann er von der ersten Sekunde an auf das „reiche Gut“ zu dringen, mit dem sie aus Mizrajim ziehen sollten. Und ich stelle mir vor, daß das auf das große Publikum, auf das Volk, sogleich Eindruck machte. Das Volk hörte mit Begeisterung seine neuen Worte, die Verkündigung der Erlösung, und „das Volk glaubte und hörte, daß Gott der Kinder Israels gedachte und ihr Elend ansah“. Das Volk glaubte, das Volk hoffte. Aber auf die großen Kapitalisten wirkte die Sache nicht so schnell. Sie standen abseits; und es dauerte noch lange, Tage und Jahre, ehe man einsehen lernte, daß die reiche Bourgeoisie nicht so einfach beiseite geschoben werden könne, daß auch sie zum Volke gehöre und der Erlösung wert sei wie das ganze Volk. Noch länger aber währte es, bis die alten Reichen begriffen, daß auch sie eine Erlösung nötig hatten, so wie das ganze Volk, und daß ihnen ihr reiches Gut am Tage des Gerichtes nichts helfen würde. Wenn sie sich nicht beeilen würden, aus dem Lande zu ziehen, wenn sie sich nicht rechtzeitig vor dem Tage des Gerichts eine Ruhestätte inmitten ihres Volkes bereiten würden — da müßte langsam, langsam auch ihr Gut zergehen und ihr Reichtum ein Ende nehmen.
Es brauchte lange, ehe man all das verstand. Und in dieser Zwischenzeit scheint es, daß unser Volk in gänzliche Armut geriet. Die Reichen, die am Beginn von Moses Propaganda sehr reich gewesen waren, hatten vermutlich Verluste gehabt... Und nun sahen sie ein, daß sie entrinnen müßten, der mit einem bißchen Gut und jener mit einem bißchen. Und das Volk zog aus Mizrajim mit großer Hoffnung auf den Gewinn von Erez-Israel. Vielleicht war so mancher Reiche unter ihnen, der nicht aus ganz freiem Willen ging, nur als ob ihn ein böser Geist triebe. Und diese waren gewiß der Erlösung nicht so ganz würdig. Und trotzdem reut es mich auch ihrer nicht; sie waren im Volk aufgelöst und ihr Vermögen blieb in Israel. Wäre es denn besser, sie wären mit ihrem Besitz in Mizrajim geblieben und die Ägypter wären auf jüdische Kosten reich geworden? Mit ihrem Gelde hätten sie Pferde und Wagen gerüstet, ihren Brüdern nachzujagen.
Und wir müssen zur Ehre unseres Volkes sagen, daß wie damals auch jetzt nur ganz wenige Leute von diesem Schlage unter uns sind. Viele unserer Reichen sind vielleicht zu sehr zugeknöpft; aber sie sind doch umgängliche Leute, intelligent und in ihrer Art auch dem Volke getreu. Nach meiner Meinung sind sie alle der Erlösung würdig — daß sie aber eine Erlösung brauchen, das ist über jeden Zweifel erhaben.