Jechiel-Michal war voll Mitleid; er drehte seine rechte Schläfenlocke und sprach ihr begütigend zu. „Ist denn mein Schicksal besser als das Eure, Sara-Lea? Ihr seid, Gott sei Dank, geschmückt wie eine Braut und eßt gute Speisen; ich aber bin verbannt und traurig, wie ein Witwer eben ist. Ja, so ist es auf dieser Welt! Ein Jude — ach, wir haben auf dieser Welt nichts als Gottes Gunst. Aber man soll am Feiertag nicht traurig sein!“
Während er sich aber trösten wollte, kam ihn ein Erbarmen über sich selber an, und er sprach: „Was ist denn ein Mann Großes? Ich danke alle Tage Gott, daß er mich nicht als Frau geschaffen hat; ich weiß genau, wie der Seder zu machen ist; aber geht nun in eine ungetünchte Wohnung ohne Festtagsstimmung, in ein Zimmer, erfüllt mit Alltag! Wärmt Euch halbgargekochte Gerichte an und setzt Euch wie ein König auf das zerbrochene Bett! O Sara-Lea, nicht umsonst sagt der Jalkut: ‚Alle Leiden sind schwer, aber Armut ist schwerer als alles andere. Alle Leiden kommen und gehen; gehen sie aber, so wird alles wieder, wie es zuvor gewesen. Nur die Leiden der Armut verdunkeln die Augen des Menschen.‘ Glaubt nicht etwa, daß ich mich kränke, weil ich am Stolze keinen Teil habe. Gott bewahre mich! Ich sage dies nur, um Euch zu erwidern, die Ihr klagt, daß Ihr eine Frau seid. Ja, noch mehr: in diesem Winter habe ich mich erkältet und mein Hals schmerzt mich. Was soll ich da noch sagen?“
Als Sara-Lea dies hörte, sagte sie: „Ihr solltet doch lieber ins Zimmer treten. Zwar ist der Winter vorbei und die Kälte zu Ende, aber man kann sich noch immer leicht eine Krankheit zuziehen.“
Ihre Worte leuchteten ihm ein, er verkroch sich tief in sein dickes Halstuch und folgte ihr dann in ihre Stube.
Da sah er: die Wände waren nach Vorschrift getüncht, der Lehmboden war rein und braun, aus jedem Winkel blinkte der Feiertag. Über allem lag die heilige Ruhe, die am Peßach geboten ist. Da kam das Wort über ihn und er pries ihr Haus: „Ach, wie schön ist die Stelle, wo die Hände einer Frau geruht haben!“ Sogleich nahm sie eilends die Tischdecke ab und ließ alles sehen, was dort stand. Lauterer Wein, Mazah, Eiermazah, Petersilie, Eier, ein Flügel, eine Schüssel voll Fleisch und viele köstliche Leckerbissen. Und sie sprach: „Solch ein Seder — und wozu? Ich nehme doch alles fort und bringe die Sachen einem Nachbarn ins Haus. Ich bin doch nur eine Frau. Man vergißt schwer, daß man einmal eine Hausfrau war. So sagte ich mir: Ich will mir für ein Weilchen einen Seder machen, als ob ein Hausherr da wäre und man den Seder zu Hause hielte, wie bei jedem Manne in Israel.“
Jechiel-Michal wurde ganz warm und er wollte etwas sagen. Aber da befiel ihn ein schweres Husten und Räuspern, so daß Sara-Lea ihn ganz erschrocken ansah und ihn mahnte: „Reb Jechiel-Michal, eßt nur heute um Gottes willen nicht zuviel bittere Kräuter! Ihr hustet ja, Ihr hustet! Ein bißchen Tee mit viel Zucker würde Euch guttun. Wer wird Euch denn zu Hause etwas Warmes vorbereiten?“
Sara-Lea schwieg und seufzte. Auch Jechiel-Michal seufzte und dann seufzten noch einmal beide zugleich.
Dann fragte sie: „Vielleicht bleibt Ihr ein Weilchen hier, Reb Jechiel-Michal, und ich bereite Euch einen warmen Schluck, ein Glas? — Ach, ich vergesse ja, daß heute Feiertag ist, daß man zuerst Kiddusch machen muß, Seder machen muß... Wollt Ihr vielleicht hier den Seder machen?“
Und wie der höhere Wille aus der inneren Stimme zum Worte ward, wiederholte sie: „Wahrhaftig, wollt Ihr den Seder hier machen?“