Es war so. Die Hausfrau fehlte ihm, die Hausfrau. Und als er zu diesem Schluß gekommen war, nahm er die Schlüssel fest in die Hand und schritt rasch dahin, wie der Königssohn, der auf den Palast zueilt, wo seine Braut, die allerschönste Prinzessin, ihn erwartet.

Auf einmal aber öffnete sich vor ihm ein Fenster, und er hörte die Stimme einer Frau: „Guten Abend, Reb Jechiel-Michal!“ Und er erwiderte: „Guten Abend, Sara-Lea!“

Er dachte, sie wolle ihn nach dem Jahrzeittage ihres Mannes fragen. So blieb er ihr gegenüber stehen. Unmerklich aber gerieten sie ins Plaudern. Sie erzählte ihm, wie schwer das Peßachfest für sie sei. Sie habe ja zwar alle Vorbereitungen getroffen, es fehle nichts; aber schließlich sei sie ja doch bloß eine Frau. Sie besitze ja alles, was zur richtigen Feier des Seder gehöre; jetzt aber sei sie doch genötigt, sich an Fremde zu wenden. Und doch sei es genug, wenn sie das ganze Jahr ihre Nachbarn bemühe, wenn sie zu ihnen komme, um von ihnen, in ihren Häusern, Kiddusch und Hawdalah zu hören.

„Ich bitte Euch,“ begann Jechiel-Michal, „es ist doch eine Mizwah, eine gottgefällige Handlung, es ist eine verdienstliche Tat um Lebende und Tote.“

„Ach,“ sagte Sara-Lea, „Mizwah! Glaubt Ihr, solche fromme Handlungen seien so leicht? Ein Jude steckt den ganzen Winter über in seiner Arbeit, sieht Frau und Kinder keinen Augenblick; da kommt Peßach, da kommt ein bißchen Ruhe und Muße, da will er beisammensitzen mit Frau und Kind; niemand stört ihn — und plötzlich, am Seder, überfällt ihn eine elende Witwe. Gott bewahre mich davor, mit den Lippen zu sündigen — aber was soll ich sagen? Die Zeiten sind schlecht geworden, eine Schwäche ist über die Welt gekommen. Früher, in der alten Zeit... O, in der alten Zeit brachte ein Jude viele Gäste mit heim, gab ihnen zu essen und zu trinken und niemandem wäre es eingefallen zu sagen: ‚Es wird uns zu eng hier.‘ Bei meinem seligen Vater war immer eine ganze Gemeinde zum Sederabend. Und hat denn in meinem Hause je ein Gast zum Sederabend gefehlt? Mein seliger Mann ist nie ohne einen Gast aus dem Beth-Hamidrasch heimgekommen. Und was fehlt mir jetzt? Wein ist, Gott sei Dank, da, sogar ein Becher mehr als nötig, Mazzoth und sogar Mazzah-Sch’murah, Fleisch und Charoßeth genug für alle Gottesfürchtigen. Was fehlt mir aber? Einen Truthahn habe ich für Peßach geschlachtet, die Flügel hingen ihm vor Fett zu Boden. Seit Purim schon sagten die Leute: ‚Sara-Lea, bindet ihn um Gott nicht an einen Fuß Eures Bettes; wer weiß sonst, wohin Euch dieser Hahn verschleppt?‘ Aber was fehlt mir? Ein Mann in Israel. Ja, wenn die Frau im Hause ihres Mannes ist...! Aber mein seliger Mann sitzt in der himmlischen Wonne und genießt die Herrlichkeit Gottes; ich dagegen muß mich von Sabbath zu Sabbath, von Ort zu Ort drücken, nur um ein jüdisches Wort zu hören. Ich dachte daran, den Schulleiter zu ersuchen, er möchte mir einen guten Schüler besorgen, der bei mir zu Hause den Seder gäbe — aber ich bin doch nur eine Frau, eine elende Witwe: wie könnte ich so etwas verlangen?“

Bei diesen Worten Sara-Leas seufzte Jechiel-Michal und zitierte aus dem Talmud: „Besser ist’s, es sitzen zwei beisammen als eine Witwe sitzt allein.“

Und obgleich diese Worte aramäisch gesprochen wurden, in einer Sprache, die Sara-Lea nicht verstand, fühlte sie sich doch erleichtert; denn sie wußte, daß Jechiel-Michal in seinem Herzen nicht böse von ihr dachte. Sie las ihm ja die gute Gesinnung aus den Augen. Und auch sie seufzte, sah ihn mit freundlichem Gesichte an und sagte in beistimmendem Tone: „Alles ist da; aber wenn der Hausherr fehlt, was hilft dann alles übrige?“

Und nach einem zweiten Seufzer fuhr sie fort: „Ich weiß wahrhaftig nicht, weshalb ich hier bin. Meine Kinder habe ich aufgezogen, sie sind groß geworden und haben mich verlassen. Einer ist in Amerika, einer in Argentinien, und ich bin allein geblieben. Einsam und allein. Ich wollte nach Erez-Israel gehen, dort ist man nicht so verlassen und verloren. Aber immer wieder: wie kann eine alleinstehende Frau an einen Ort ziehen, wo man sie nicht kennt, wie kann sie in ein fremdes Haus treten?“