DER SEDER.
Von S. J. Agnon.
Als Jechiel-Michal, der Schuldiener, mit seiner heiligen Arbeit fertig war und aus dem alten Beth-Hamidrasch trat, um nach Hause zu gehen, war er besonders froh: Gott sei Dank, nun war die Zeit der vielen Vorbereitungen zum Feste vorbei, die mannigfachen Lasten, die Gott ihm auferlegt hatte, waren von ihm genommen; nun konnte auch er etwas von der Festfreude spüren und, nach Gottes Gebot, einen Seder machen, wie jeder Mann in Israel.
Aber als er so stand und die Tür des Beth-Hamidrasch verschloß — über ihm leuchtete das Licht dieses Abends —, da erfaßte ihn eine leichte Kühle und fast begann er, an allen Gliedern zu zittern. Und Jechiel-Michal versuchte das Schloß, sperrte auf und zu, zu und auf, um zu sehen, ob er richtig geschlossen hatte. Er nahm die Schlüssel in die Hand und ging in gedrückter Stimmung heim. Denn er hatte sich erinnert, wohin er ging, und ihm war schwer zumute. Einsam würde er in seinen vier Wänden sitzen, auf seinem zerrissenen Kissen, das schon so viele Jahre keine Frauenhand berührt hatte, um es zurechtzulegen; und so wie vorm Jahre würde er in der Hagadah lesen, deren Blätter von Wein befleckt sind — der Wein aber war an jenem Peßachabend aus seinem Becher getropft, als er das Fest bei seinem Schwiegervater, an der Seite seiner frommen seligen Frau gefeiert hatte. Er würde halbgare Gerichte verzehren, die er selbst erst mühsam anwärmen mußte; ach, wie schlimm ist es, wenn der Mensch allein ist!
Zwar hatten ihn viele wohlhabende und angesehene Leute eingeladen, an den Peßachabenden zum Seder bei ihnen zu bleiben. Seit Schuschan-Purim, dem Tag nach dem Purimfest, hatten sie ihm gesagt: „Wie kann nur ein Jude am Festtag einsam sitzen? Es ist ja ein Glück, Reb Jechiel-Michal, daß in dieser Nacht böse Geister keine Macht haben; trotzdem aber solltet Ihr die Freude unseres Befreiungsfestes nicht verschmähen, nicht verschmähen, Euch in den Frieden eines jüdischen Hauses zu begeben. Erscheint denn Euch dieses Fest als eine geringe und unwichtige Angelegenheit? Und wenn ein Jude einsam sitzt, ohne Familie, ohne Verwandte und Freunde, dann hüllt ihn Trauer ein, Gott bewahre uns vor ihr! Trauer ist die Hefe im Teig, sie ist der wahre Chamez. Und Chamez am Peßach: davor beschütze uns Gott!“
Nicht so aber war es mit Jechiel-Michal. Er ist ja nur ein Schuldiener, ein einfacher Schuldiener, macht Botengänge für Fremde: aber doch ist er ein Mann in Israel. Er würde seinen Feiertag nicht durch Trauer entweihen, er würde seine Welt nicht dadurch finster machen, daß er an einem fremden Tische säße. Er ist ein Jude, und auch er war unter denen, die aus Mizrajim zogen. Und seine Seele, das weiß Gott, stammt sicherlich und wahrhaftig nicht vom Erew-Raw, von dem ägyptischen Gesindel, das sich an die ausziehenden Israeliten hängte. Nur aber — die Hausfrau fehlte ihm.
Den ganzen Tag ist er im Dienste der Gemeinde beschäftigt, heizt den Ofen im Beth-Hamidrasch, zündet die Kerzen an und ordnet die Bücher; so geht der Tag vorüber und die Nacht kommt. Und am Abend, wenn er heimgeht, hungert ihn, ehe er sich etwas zum Abendbrot gekocht hat; denn er hat den ganzen Tag nichts gegessen, außer trockenen Dingen — höchstens einen Apfel. Und ein Jude soll ja jeden Tag etwas Gekochtes essen! Aber ehe er sich ein Gericht bereitet hat, vergeht ihm die Eßlust, und er ißt niemals mit Behagen.
So grübelte er im Gehen und litt darunter. Denn es ist ja ein gottgefälliges Werk, am Peßach, dem Feste der Befreiung, froh zu sein. Und er wußte, daß der Böse all diese Bitternisse über ihn gebracht hatte, nur um ihn in Traurigkeit zu verletzen. Und Jechiel-Michal spie aus, als ob — Gott bewahre! — ein Stäubchen Chamez in seinen Mund gekommen wäre und er es ausspucken wollte, noch während er es im Munde hatte.