Vierzehn Tage vor dem Osterfeste, in größeren Gemeinden auch vier Wochen früher, werden die Gemeindeglieder durch den Schuldiener aufgefordert, sich zu der am nächsten Sonntag stattfindenden Verpachtung des Ostermehles auf dem Gemeindehaus einzustellen.

Auffallend genug erscheinen an diesem Tage nur sehr wenige, die Lust bezeigen, den Pacht zu übernehmen. Aus Gründen nämlich, die man sehr wohl billigen wird. Zuerst ist der Pachtschilling nach dem Stande der jeweiligen Fruchtpreise schon so hoch gestellt, daß sich nach aller Berechnung nur ein ganz kleiner Gewinn herausfindet. Dann ist das Geschäft von einer Masse Strapazen, Entbehrungen und Mühen begleitet, und drittens, wenn sich der Pächter über alle diese Berge hinwegsetzt, gerät er wieder in Gefahr, seine Popularität in der Gemeinde zu verlieren. Er kauft schlechtes Getreide ein, das Mehl ist schwarz, und nun hat er ein Publikum gegen sich, das ihn durch volle acht Ostertage tausendmal in einem Atem in den Ostrazismus verurteilt, denn bei jedem solchen Brote, das man genießt, wird des Pächters in Ausdrücken erwähnt, für die das große Wörterbuch von Adelung nicht besteht. Es ist ein langsames Gerädertwerden von unten nach oben — durch volle acht Tage.

Doch findet sich immerhin jemand, der den Mehlpacht übernimmt. Barmherzige Seelen gibt es genug. Solche strecken dem Pächter, der gewöhnlich über ein äußerst geringes Vermögen zu gebieten hat, die Bürgschaft vor, sowie auch die Einkaufssumme. Damit geht er auf den Getreidemarkt, kauft ein, wie und wo er es kann, natürlich immer in der Absicht, so billig als möglich zu kaufen. Bis dahin hat das Geschäft noch wenig Nationales, wenig Eigentümliches. Dies beginnt erst draußen in der Mühle. Hier fängt eine lange Reihe von Mühen und Strapazen an, die zu beschreiben einen erklecklichen Aufwand von Tinte kosten würde. Die Mühle, wo das Ostermehl gemahlen wird, muß vor allem von oben nach unten gesäubert und ausgefegt werden, damit ja nicht ein Stäubchen früheren unreinen Mehles dazwischen käme. Dann muß man ein äußerst aufmerksames Auge auf die Müllerburschen haben, die absichtlich oder unabsichtlich das Mehl entheiligen und dem religiösen Gewissen des Pächters manchen empfindsamen Hieb versetzen können. Noch aufmerksamer muß der Pächter auf die Finger seiner Müllerburschen sehen, damit diese nichts auf den Boden fallen lassen. Solche Überflüsse kommen dem Pächter selbst zugut, auch will er nicht, daß der reiche Müller so heiliges Mehl genieße oder gar verkaufe.

Wenn das Mahlgeschäft vorüber, das Mehl in Säcke gegeben und heimgeführt worden ist, verkündet der Schuldiener aufs neue, in der Synagoge oder in der Gasse, man könne kaufen kommen; der Verkaufsort sei da und da. Nun beeilt sich ein jeder, seinen Bedarf an Ostermehl sobald als möglich zu decken, damit er nicht zu spät komme. Bevor man das Mehl kaufen geht, werden sehr ernsthafte Debatten zwischen den Eheleuten gepflogen. Während eines Jahres sind bedeutende Veränderungen in der Familie vorgegangen, sie hat sich vergrößert, auch sind die Kinder größer geworden und damit im steigenden Verhältnis auch das Zentrum ihres Lebens, nämlich der Magen. Die Mutter möchte gern sparen, ein Achtel oder gar ein Viertel weniger nehmen, der Vater aber zeigt lächelnd auf die Anzahl ihrer Familienmitglieder. Nach langem Her- und Hinreden vereinigen sich endlich beide und treffen ein juste milieu, das allen Anforderungen der Familie entsprechen wird.

In größeren Gemeinden besteht der Gebrauch, von den Gemeindemitgliedern bei der Abnahme des Ostermehles eine Steuer zu erheben, deren Ertrag der Gemeinde zufällt. Je nach dem Quantum des Mehles wird diese Steuer festgesetzt. Nun trifft es sich zuweilen, daß der arme, unbemittelte Mann, der für ein ganzes Rudel hungriger Mägen zu sorgen hat, höher besteuert wird als der reiche, dem trotz seines Mammons kein Kindeslächeln beschert ward — ein Mißverhältnis, das aber überhaupt dem ganzen Steuerkomplex noch immer anklebt und ohne Verletzung einmal gegebener Zustände nicht gehoben werden kann.

Nun werden die Backhäuser eröffnet. Größere Gemeinden zählen deren mehrere, kleinere oft nur eines. Solche Backhäuser sind entweder Eigentum von Individuen oder der Gemeinde selbst. Wo es mehrere gibt, entsteht zwischen den Besitzern derselben eine Rivalität ganz eigener Art. Der eine stellt seinen Tarif etwas niedriger und erzielt dadurch eine größere Masse von Kunden, der andere ist prompter in seinen Bestellungen, der dritte zeichnet sich wieder durch vortreffliches Gebäck aus. So hat ein jeder seine Vorzüge und sucht sie geltend zu machen. So viel trägt jedoch jedes Backhaus seinem Besitzer ein, daß er, wie man zu sagen pflegt, „die Ostern herausbringt“.

Treten wir in ein solches Backhaus ein!

Heftig durch- und ineinander tönende Stimmen empfangen den Eintretenden. Wir stehen in einer langen, von bedeutend azotischen Dünsten angefüllten Stube, wo nahe an hundert Menschen mit dem Bereiten der ungesäuerten Brote beschäftigt sind. Sie stehen um lange viereckige, mit blanken Kupferplatten bedeckte Tische herum. Wie nach einem Takte bewegen sich aller Hände. Der eine hat ein Stück Teig vor sich und dehnt es schnell und flink mit dem Wellholze aus. Der andere hat das Brot bereits fertig, das in einer kreisrunden, ganz flachen Platte besteht; er nimmt nun noch das Ruppelholz, d. i. kleine zugespitzte Stäbchen, womit er das Brot auf allen Punkten durchlöchert, damit die Hitze von allen Seiten eindringe und der Säuerung vorgebeugt werde. Zwischendurch laufen kleine Buben, nehmen die Brote ab, und tragen sie zum Ofen hinaus. „Matzes, Matzes!“ schreit einer, der bereits sein Brot auf dem Tische beendet liegen hat und fürchtet, es könnte durch die Länge der Zeit säuern. Und dabei ergrimmt er und stößt Flüche aus, weil die Hinausträger der Brote ihm zu saumselig und faul sind.