Die Königin gedachte: "Ich wills nicht länger tragen. 838
Wie ich es fügen möge, Kriemhild muß mir sagen,
Warum uns so lange den Zins versaß ihr Mann:
Der ist doch unser Eigen: der Frag ich nicht entrathen kann."

So harrte sie der Stunde, bis es der Teufel rieth, 839
Daß sie das Hofgelage und die Lust mit Leide schied.
Was ihr lag am Herzen, zu Lichte must es kommen:
Drum ward in manchen Landen durch sie viel Jammer vernommen.

* * * * *

Vierzehntes Abenteuer.

Wie die Königinnen sich schalten.

Es war vor einer Vesper, als man den Schall vernahm, 840
Der von manchem Recken auf dem Hofe kam:
Sie stellten Ritterspiele der Kurzweil willen an.
Da eilten es zu schauen Frauen viel und mancher Mann.

Da saßen beisammen die Königinnen reich 841
Und gedachten zweier Recken, die waren ohne Gleich.
Da sprach die schöne Kriemhild: "Ich hab einen Mann,
Dem wären diese Reiche alle billig unterthan."

Da sprach zu ihr Frau Brunhild: "Wie könnte das wohl sein? 842
Wenn Anders Niemand lebte als du und er allein,
So möchten ihm die Reiche wohl zu Gebote stehn:
So lange Gunther lebte, so könnt es nimmer geschehn."

Da sprach Kriemhild wieder: "Siehst du, wie er steht, 843
Wie er da so herrlich vor allen Recken geht,
Wie der lichte Vollmond vor den Sternen thut!
Darob mag ich wohl immer tragen fröhlichen Muth."

Da sprach wieder Brunhild: "Wie waidlich sei dein Mann, 844
Wie schön und wie bieder, so steht ihm doch voran
Gunther der Recke, der edle Bruder dein:
muß vor allen Königen, das wiße du wahrlich, sein."