Da ritt zu seinem Weibe der Degen unverzagt. 942
Derweil hatte Hagen dem König gesagt,
Wie er verderben wolle den herrlichen Degen.
So großer Untreue sollt ein Mann nimmer pflegen.

Als die Ungetreuen beschloßen seinen Tod, 943
Da wusten sie es Alle. Geiselher und Gernot
Wollten nicht mit jagen. Weiß nicht, aus welchem Groll
Sie ihn nicht verwarnten; doch des entgalten sie voll.

* * * * *

Sechzehntes Abenteuer.

Wie Siegfried erschlagen ward.

Gunther und Hagen, die Recken wohlgethan 944
Gelobten mit Untreuen ein Birschen in den Tann.
Mit ihren scharfen Spießen wollten sie jagen Schwein'
Und Bären und Wisende: was mochte Kühneres sein?

Da ritt auch mit ihnen Siegfried mit stolzem Sinn. 945
Man bracht ihnen Speise aller Art dahin.
An einem kühlen Brunnen ließ er da das Leben:
Den Rath hatte Brunhild, König Gunthers Weib, gegeben.

Da gieng der kühne Degen hin, wo er Kriemhild fand. 946
Schon war aufgeladen das edle Birschgewand
Ihm und den Gefährten: sie wollten über Rhein.
Da konnte Kriemhilden nicht leider zu Muthe sein.

Seine liebe Traute küsst' er auf den Mund: 947
"Gott laße mich dich, Liebe, noch wiedersehn gesund
Und deine Augen mich auch; mit holden Freunden dein
Kürze dir die Stunden: ich kann nun nicht bei dir sein."

Da gedachte sie der Märe, sie durft es ihm nicht sagen, 948
Nach der sie Hagen fragte: da begann zu klagen
Die edle Königstochter, daß ihr das Leben ward:
Ohne Maßen weinte die wunderschöne Fraue zart.