Als vom Gottesdienste verhallt war der Gesang, 1096
Mit ungefügem Leide des Volkes Menge rang.
Man ließ ihn aus dem Münster zu dem Grabe tragen.
Da hörte man auch anders nichts als Weinen und Klagen.
Das Volk mit lautem Wehruf schloß im Zug sich an: 1097
Froh war da Niemand, weder Weib noch Mann.
Eh er bestattet wurde, las und sang man da:
Hei! was man guter Pfaffen bei seiner Bestattung sah!
Bevor da zu dem Grabe kam das getreue Weib, 1098
Rang sie mit solchem Jammer um Siegfriedens Leib,
Daß man sie mit Wasser vom Brunnen oft begoß:
Ihres Herzens Kummer war über die Maßen groß.
Es war ein großes Wunder, daß sie zu Kräften kam. 1099
Es halfen ihr mit Klagen viel Frauen lobesam.
"Ihr, meines Siegfrieds Mannen," sprach die Königin,
"Erweist mir eine Gnade aus erbarmendem Sinn.
"Laßt mir nach meinem Leide die kleinste Gunst geschehn", 1100
Daß ich sein schönes Angesicht noch einmal dürfe sehn,"
Da bat sie im Jammer so lang und so stark,
Daß man zerbrechen muste den schön geschmiedeten Sarg.
Hin brachte man die Königin, wo sie ihn liegen fand. 1101
Sein schönes Haupt erhob sie mit ihrer weißen Hand
Und küsste so den Todten, den edeln Ritter gut:
Ihre lichten Augen vor Leide weinten sie Blut.
Ein jammervolles Scheiden sah man da geschehn. 1102
Man trug sie von dannen, sie vermochte nicht zu gehn.
Da lag ohne Sinne das herrliche Weib:
Vor Leid wollt ersterben ihr viel wonniglicher Leib.
Als der edle Degen also begraben war, 1103
Sah man in großem Leide die Helden immerdar,
Die ihn begleitet hatten aus Nibelungenland:
Fröhlich gar selten man da Siegmunden fand.
Wohl Mancher war darunter, der drei Tage lang 1104
Vor dem großen Leide weder aß noch trank;
Da konnten sie's nicht länger dem Leib entziehen mehr:
Sie genasen von den Schmerzen, wie noch Mancher wohl seither.
Kriemhild der Sinne ledig in Ohnmächten lag 1105
Den Tag und den Abend bis an den andern Tag.
Was Jemand sprechen mochte, es ward ihr gar nicht kund.
Es lag in gleichen Nöthen auch der König Siegmund.