Ueber die Donau kamen sie jetzt gen Baierland: 1344
Da sagte man die Märe, es kämen angerannt
Viel unkunder Gäste. Wo noch ein Kloster steht
Und der Innfluß mündend in die Donau niedergeht,

In der Stadt zu Paßau saß ein Bischof. 1345
Herbergen leerten sich und auch des Fürsten Hof:
Den Gästen entgegen giengs auf durch Baierland,
Wo der Bischof Pilgerin die schöne Kriemhild fand.

Den Recken in dem Lande war es nicht zu leid, 1346
Als sie ihr folgen sahen so manche schöne Maid.
Da kos'ten sie mit Augen manch edeln Ritters Kind.
Gute Herberge wies man den Gästen geschwind.

Dort zu Pledelingen schuf man ihnen Ruh; 1347
Das Volk allenthalben ritt auf sie zu.
Man gab, was sie bedurften, williglich und froh:
Sie nahmen es mit Ehren; so that man bald auch anderswo.

Der Bischof mit der Nichte ritt auf Paßau an. 1348
Als es da den Bürgern der Stadt ward kund gethan,
Das Schwesterkind des Fürsten, Kriemhild wolle kommen,
Da ward sie wohl mit Ehren von den Kaufherrn aufgenommen.

Als der Bischof wähnte, sie blieben nachts ihm da, 1349
Sprach Eckewart der Markgraf: "Unmöglich ist das ja:
Wir müßen abwärts reiten in Rüdigers Land:
Viel Degen harren unser: ihnen allen ist es bekannt."

Nun wust auch wohl die Märe die schöne Gotelind: 1350
Sie rüstete sich fleißig und auch ihr edel Kind.
Ihr hatt entboten Rüdiger, ihn bedünk es gut,
Wenn sie der Königstochter damit tröstete den Muth

Und ihr entgegenritte mit seiner Mannen Schar 1351
Hinauf bis zur Ense. Als das im Werke war,
Da sah man allenthalben erfüllt die Straßen stehn:
Sie wollten ihren Gästen entgegen reiten und gehn.

Nun war gen Everdingen die Königin gekommen. 1352
Man hatt im Baierlande von Schächern wohl vernommen,
Die auf den Straßen raubten, wie es ihr Gebrauch:
So hätten sie die Gäste mögen schädigen auch.

Das hatte wohl verhütet der edle Rüdiger: 1353
Er führte tausend Ritter oder wohl noch mehr.
Da kam auch Gotelinde, Rüdigers Gemahl,
Mit ihr in stolzem Zuge kühner Recken große Zahl.