Ueber die Traune kamen sie bei Ense auf das Feld; 1354
Da sah man aufgeschlagen Hütten und Gezelt,
Daß gute Ruhe fänden die Gäste bei der Nacht.
Für ihre Kost zu sorgen war der Markgraf bedacht.

Von den Herbergen ritt ihrer Frau entgegen 1355
Gotelind die schöne. Da zogen auf den Wegen
Mit klingenden Zäumen viel Pferde wohlgethan.
Sie wurde wohl empfangen; lieb that man Rüdigern daran.

Die sie zu beiden Seiten begrüßten auf dem Feld 1356
Mit kunstvollem Reiten, das war mancher Held.
Sie übten Ritterspiele; das sah manch schöne Maid.
Auch war der Dienst der Helden den schönen Frauen nicht leid.

Als zu den Gästen kamen Die in Rüdigers Lehn, 1357
Viel Schaftsplitter sah man in die Lüfte gehn
Von der Recken Händen nach ritterlichen Sitten.
Da wurde wohl zu Danke vor den Frauen geritten.

Sie ließen es bewenden. Da grüßte mancher Mann 1358
Freundlich den andern. Nun führten sie heran
Die schöne Gotelinde, wo sie Kriemhild sah.
Die Frauen dienen konnten, hatten selten Muße da.

Der Vogt von Bechelaren ritt zu Gotlinden hin. 1359
Wenig Kummer schuf es der edeln Markgräfin,
Daß sie wohl geborgen ihn sah vom Rheine kommen.
Ihr war die meiste Sorge mit großer Freude benommen.

Als sie ihn hatt empfangen, hieß er sie auf das Feld 1360
Mit den Frauen steigen, die er ihr sah gestellt.
Da zeigte sich geschäftig mancher edle Mann:
Den Frauen wurden Dienste mit großem Fleiße gethan.

Da ersah Frau Kriemhild die Markgräfin stehn 1361
Mit ihrem Ingesinde: sie ließ nicht näher gehn:
Sie zog mit dem Zaume das Ross an, das sie trug,
Und ließ sich aus dem Sattel heben schleunig genug.

Den Bischof sah man führen seiner Schwester Kind, 1362
Ihn und Eckewarten, hin zu Frau Gotelind.
Es muste vor ihr weichen, wer im Wege stund.
Da küsste die Fremde die Markgräfin auf den Mund.

Da sprach mit holden Worten die edle Markgräfin: 1363
"Nun wohl mir, liebe Herrin, daß ich so glücklich bin,
Hier in diesem Lande mit Augen euch zu sehn:
Mir könnt in diesen Zeiten nimmer lieber geschehn."