Eine Stadt liegt an der Donau im Oesterreicherland, 1391
Die ist geheißen Tulna. Da ward ihr bekannt
Manche fremde Sitte, die sie noch niemals sah.
Da empfiengen sie gar Viele, denen noch Leid von ihr geschah.

Es ritt dem König Etzel ein Ingesind voran, 1392
Fröhlich und prächtig, höfisch und wohlgethan,
Wohl vierundzwanzig Fürsten, mächtig und hehr:
Ihre Königin zu schauen, sie begehrten sonst nichts mehr.

Ramung, der Herzog aus Walachenland, 1393
Mit siebenhundert Mannen kam er vor sie gerannt.
Wie fliegende Vögel sah man sie alle fahren.
Da kam der Fürst Gibeke mit viel herrlichen Scharen.

Hornbog der schnelle ritt mit tausend Mann 1394
Von des Königs Seite zu seiner Fraun heran.
Sie prangten und stolzierten nach ihres Landes Sitten.
Von den Heunenfürsten ward auch da herrlich geritten.

Da kam vom Dänenlande der kühne Hawart 1395
Und Iring der schnelle, vor allem Falsch bewahrt;
Von Thüringen Irnfried, ein waidlicher Mann:
Sie empfiengen Kriemhilden, daß sie viel Ehre gewann,

Mit zwölfhundert Mannen, die zählte ihre Schar. 1396
Da kam der Degen Blödel mit dreitausend gar,
König Etzels Bruder aus dem Heunenland:
Der ritt in stolzem Zuge, bis er die Königin fand.

Da kam der König Etzel und Herr Dieterich 1397
Mit seinen Helden allen. Da sah man ritterlich
Manchen edeln Ritter bieder und auch gut.
Davon ward Kriemhilden gar wohl erhoben der Muth.

Da sprach zu der Königin der edle Rüdiger: 1398
"Frau, euch will empfangen hier der König hehr.
Wen ich euch küssen heiße, dem sei der Kuss gegönnt:
Wißt, daß ihr Etzels Recken nicht alle gleich empfangen könnt."

Da hob man von der Mähre die Königin hehr. 1399
Etzel der reiche nicht säumt' er länger mehr:
Er schwang sich von dem Rosse mit manchem kühnen Mann;
Voller Freuden kam er zu Frau Kriemhilden heran.

Zwei mächtige Fürsten, das ist uns wohlbekannt, 1400
Giengen bei der Frauen und trugen ihr Gewand,
Als der König Etzel ihr entgegen gieng
Und sie den edlen Fürsten mit Küssen gütlich empfieng.