Da wurden sie geschieden, wie Sitte war im Land: 1736
Zu andern Zimmern giengen Ritter und Fraun zur Hand.
Man richtete die Tische in dem Saale weit
Und ward den fremden Gästen zu allen Diensten bereit.

Den Gästen gieng zu Liebe die edle Markgräfin 1737
Mit ihnen zu den Tischen: die Tochter ließ sie drin
Bei den Mägdlein weilen, wo sie nach Sitte blieb.
Daß sie die nicht mehr sahen, das war den Gästen nicht lieb.

Als sie getrunken hatten und gegeßen überall, 1738
Da führte man die Schöne wieder in den Saal.
Anmuthge Reden wurden nicht gescheut:
Viel sprach deren Volker, ein Degen kühn und allbereit.

Da sprach unverhohlen derselbe Fiedelmann: 1739
"Viel reicher Markgraf, Gott hat an euch gethan
Nach allen seinen Gnaden: er hat euch gegeben
Ein Weib, ein so recht schönes, dazu ein wonnigliches Leben.

"Wenn ich ein König wäre," sprach der Fiedelmann, 1740
"Und sollte Krone tragen, zum Weibe nähm ich dann
Eure schöne Tochter: die wünschte sich mein Muth.
Sie ist minniglich zu schauen, dazu edel und gut."

Der Markgraf entgegnete: "Wie möchte das Wohl sein, 1741
Daß ein König je begehrte der lieben Tochter mein?
Wir sind hier beide heimatlos, ich und mein Weib,
Und haben nichts zu geben: was hilft ihr dann der schöne Leib?"

Zur Antwort gab ihm Gernot, der edle Degen gut: 1742
"Sollt ich ein Weib mir wählen nach meinem Sinn und Muth,
So wär ich solches Weibes stäts von Herzen froh."
Darauf versetzte Hagen in höfischen Züchten so:

"Nun soll sich doch beweiben mein Herr Geiselher: 1743
Es ist so hohen Stammes die Markgräfin hehr,
Daß wir ihr gerne dienten, ich und all sein Lehn,
Wenn sie bei den Burgunden unter Krone sollte gehn."

Diese Rede dauchte den Markgrafen gut 1744
Und auch Gotelinde; wohl freute sich ihr Muth.
Da schufen es die Helden, daß sie zum Weibe nahm
Geiselher der edle, wie er es mocht ohne Scham.

Soll ein Ding sich fügen, wer mag ihm widerstehn? 1745
Man bat die Jungfraue, hin zu Hof zu gehn.
Da schwur man ihm zu geben das schöne Mägdelein,
Wogegen er sich erbot, die Wonnigliche zu frein.