Da sah man den Sigelindensohn so minniglich da stehn, 292
Als wär er entworfen auf einem Pergamen
Von guten Meisters Händen: gern man ihm zugestand,
Daß man nie im Leben so schönen Helden noch fand.

Die mit Kriemhilden giengen, die hießen aus den Wegen 293
Allenthalben weichen: dem folgte mancher Degen.
Die hochgetragnen Herzen freute man sich zu schaun:
Man sah in hohen Züchten viel der herrlichen Fraun.

Da sprach von Burgunden der König Gernot: 294
"Dem Helden, der so gütlich euch seine Dienste bot,
Gunther, lieber Bruder, dem bietet hier den Lohn
Vor allen diesen Recken: des Rathes spricht man mir nicht Hohn.

"Heißet Siegfrieden zu meiner Schwester kommen, 295
Daß ihn das Mägdlein grüße: das bringt uns immer Frommen:
Die niemals Recken grüßte, soll sein mit Grüßen pflegen,
Daß wir uns so gewinnen diesen zierlichen Degen."

Des Wirthes Freunde giengen dahin, wo man ihn fand; 296
Sie sprachen zu dem Recken aus dem Niederland:
"Der König will erlauben, ihr sollt zu Hofe gehn,
Seine Schwester soll euch grüßen: die Ehre soll euch geschehn."

Der Rede ward der Degen in seinem Muth erfreut: 297
Er trug in seinem Herzen Freude sonder Leid,
Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn.
In minniglichen Züchten empfieng sie Siegfrieden schön.

Als sie den Hochgemuthen vor sich stehen sah, 298
Ihre Farbe ward entzündet; die Schöne sagte da:
"Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut."
Da ward ihm von dem Gruße gar wohl erhoben der Muth.

Er neigte sich ihr minniglich, als er den Dank ihr bot. 299
Da zwang sie zu einander sehnender Minne Noth;
Mit liebem Blick der Augen sahn einander an
Der Held und auch das Mägdelein; das ward verstohlen gethan.

Ward da mit sanftem Drucke geliebkost weiße Hand 300
In herzlicher Minne, das ist mir unbekannt.
Doch kann ich auch nicht glauben, sie hättens nicht gethan.
Liebebedürftige Herzen thäten Unrecht daran.

Zu des Sommers Zeiten und in des Maien Tagen 301
Durft er in seinem Herzen nimmer wieder tragen
So viel hoher Wonne, als er da gewann,
Da die ihm an der Hand gieng, die der Held zu minnen sann.