Da gedachte mancher Recke: "Hei! wär mir so geschehn, 302
Daß ich so bei ihr gienge, wie ich ihn gesehn,
Oder bei ihr läge! das nähm ich willig hin."
Es diente nie ein Recke so gut noch einer Königin.

Aus welchen Königs Landen ein Gast gekommen war, 303
Er nahm im ganzen Saale nur dieser beiden wahr.
Ihr ward erlaubt zu küssen den waidlichen Mann:
Ihm ward in seinem Leben nie so Liebes gethan.

Von Dänemark der König hub an und sprach zur Stund: 304
"Des hohen Grußes willen liegt gar Mancher wund,
Wie ich wohl hier gewahre, von Siegfriedens Hand:
Gott laß ihn nimmer wieder kommen in der Dänen Land."

Da hieß man allenthalben weichen aus den Wegen 305
Kriemhild der Schönen; manchen kühnen Degen
Sah man wohlgezogen mit ihr zur Kirche gehn.
Bald ward von ihr geschieden dieser Degen ausersehn.

Da gieng sie zu dem Münster und mit ihr viel der Fraun. 306
Da war in solcher Zierde die Königin zu schaun,
Daß da hoher Wünsche mancher ward verloren;
Sie war zur Augenweide viel der Recken auserkoren.

Kaum erharrte Siegfried, bis schloß der Messgesang; 307
Er mochte seinem Heile des immer sagen Dank,
Daß ihm so gewogen war, die er im Herzen trug:
Auch war er der Schönen nach Verdiensten hold genug.

Als sie aus dem Münster nach der Messe kam, 308
Lud man wieder zu ihr den Helden lobesam.
Da begann ihm erst zu danken die minnigliche Maid,
Daß er vor allen Recken so kühn gefochten im Streit.

"Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried," sprach das schöne Kind, 309
"Daß ihr das verdientet, daß euch die Recken sind
So hold mit ganzer Treue, wie sie zumal gestehn."
Da begann er Frau Kriemhilden minniglich anzusehn.

"Stäts will ich ihnen dienen," sprach Stegfried der Degen, 310
"Und will mein Haupt nicht eher zur Ruhe niederlegen,
Bis ihr Wunsch geschehen, so lang mein Leben währt:
Das thu ich, Frau Kriemhild, daß ihr mir Minne gewährt."

Innerhalb zwölf Tagen, so oft es neu getagt, 311
Sah man bei dem Degen die wonnigliche Magd,
So sie zu Hofe durfte vor ihren Freunden gehn.
Der Dienst war dem Recken aus großer Liebe geschehn.