"Es hat mir an dem herzen vil dicke wê getân, daz mich des geluste des ich niht mohte hân noch niemer mac gewinnen: daz ist schedelich; jone mein ich golt noch silber, es ist den liuten gelîch.

Ich zôch mir einen valken, mêre danne ein jâr: dô ich in gezamete als ich in wolte hân, und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant, er huop sich ûs vil hohe und vloug in anderin lant.

Sit sach ich den valken schône vliegen, er vuorte an sînem vuoze sidine riemen und was im sîn gevidere alrôt guldin. Got sende si zesamene die geliep weln gerne sin.'

Uebersetzung.

"Es hat mir an dem Herzen gar manchmal weh gethan,
Daß mich des gelüstete was mir nicht werden kann
Und was ich nie gewinne: der Schade der ist groß;
Nicht mein' ich Gold noch Silber, von den Leuten red ich bloß.

Ich zog mir einen Falken länger als ein Jahr;
Als er nun gezähmt war nach meinem Willen gar,
Und ich ihm sein Gefieder mit Golde wohl bewand,
Er hob sich auf gewaltig und flog in ein ander Land.

Nun sah ich den Falken herrlich fliegen,
Er führt an seinem Fuße seidene Riemen,
Und strahlt' ihm sein Gefieder ganz von rothem Gold;
Gott sende sie zusammen, die sich lieb sind und hold."

In der ersten Strophe beklagt es die Frau, daß sie sich eines Dinges hat gelüsten laßen, das sie nicht haben konnte und vielleicht nie gewinnen mag. Das kann auf das Verhältniss zu jenem Ritter gehen: ausdrücklich fügt sie hinzu, sie denke dabei an Leute, nicht an Gold noch Silber.

Das zweite Gesetz erwähnt wieder des Federspiels, indem sie mit dem entflogenen Falken den entschwundenen Geliebten meint. Das Verhältniss scheint aber hier, wenn es nicht ein anderes ist, vertrauter und inniger gedacht als wir es aus dem ersten Liede kennen lernten. Sie hatte den Falken sich nach Wunsch gezähmt, ja sein Gefieder mit Gold bewunden, wie König Oswald dem Raben, der an seinem Hofe erzogen war, die Flügel mit Gold beschlagen ließ ehe er ihn als Boten aussandte.

Hier schließt sich das dritte Gesetz an, denn noch der flüchtige, in andere Lande entwichene Falke schleppte die alten Feßeln nach: er war "der freie Vogel nicht mehr, er hatte schon Jemand angehört". Seidene Riemen führt er am Fuße; sein Gefieder war noch von rothem Gold bewunden. Die Schlußzeile spricht den Wunsch nach Wiedervereinigung der Liebenden und somit ein größeres Vertrauen auf den Geliebten aus als das erste Lied und selbst der Anfang des zweiten erwarten ließ.