MAn erzählt, daß einmal in Konstantinopel ein Schneider lebte, der eine besondere Geschicklichkeit zeigte, beim Zuschneiden Tuch zu stehlen. Eines Tages waren etliche Meister seines Handwerks bei ihm, als man ihm einen Brokatstoff brachte; um nun zu sehn, wie er es anstelle, etwas verschwinden zu lassen, sagten sie zu ihm: »Schneide nur gleich zu.«
Der durchtriebene Geselle merkte ihre Absicht, ihm eine Falle zu legen, bemerkte aber auch, daß der Stoff sehr prächtig war; und er sprach bei sich selber: »Sollte ich es denn nicht verstehn, mir einen Teil dieses herrlichen Brokats anzueignen?« Indem er dieser Betrachtung nachhing, überzeugte er sich, daß die andern Meister kein Auge von dem Stoffe verwandten. Da ließ er, ohne sich vom Flecke zu rühren, einen Wind. Die andern, die auf dem Diwan saßen, begannen so herzlich zu lachen, daß sie auf den Rücken fielen; und der Schelm ließ, ohne einen Augenblick zu verlieren, ein Stück Stoff verschwinden.
Sie schrien: »Haha, Meister, du bist also nicht nur ein Schneider, sondern auch ein Schalk; jetzt aber soll unsere Aufmerksamkeit nur dem Schneider gehören.«
Er ließ einen zweiten Wind. Wieder begannen sie zu lachen, und ein zweites Stück Stoff ging den Weg des ersten.
Nun sagten sie: »Meister, das Spiel mag noch einmal angehn, dann muß aber Schluß sein; sonst platzen wir noch.«
Und der verschmitzte Bursche antwortete: »Ich würde euch ja wirklich gern euern Willen tun; sollte ich es aber noch ein drittes Mal machen, so würde der Stoff nicht mehr für einen Kaftan reichen.«
EInem Schneider träumte, daß der Tag des jüngsten Gerichtes gekommen sei; er wurde auf dem Platze herumgeführt, und am Halse hingen ihm alle die Tuchstücke, die er gestohlen hatte. Als er erwachte, zitterte er vor Furcht. Es wurde Morgen und er ging in seine Werkstatt; dort erzählte er seinen Traum den Gesellen und sagte ihnen: »Wenn ich mich wieder einmal nicht beherrschen kann, und wenn ihr seht, daß ich ein Stück Stoff für mich nehme, so sagt zu mir: ›Meister, denk an den Kragen.‹ Mir wird dann die Erinnerung wiederkehren, und ich werde nichts unterschlagen.«
Einige Zeit darauf brachten ihm etliche Leute einen herrlichen Stoff; er konnte der Versuchung nicht widerstehn und ließ geschickt ein Stück unter den Augen der Eigentümer verschwinden. Da schrie auch schon ein Geselle: »Meister, denk an den Kragen.«