ZU der Zeit, wo Harun al Raschid Chalif war, gab sich einer für einen Propheten aus. Harun ließ seine Ärzte rufen und sagte zu ihnen: »Fühlt ihm den Puls; wir werden sehn, woher das kommt.«
Die Ärzte fühlten ihm den Puls und untersuchten ihn; dann sagten sie: »Er hat Dinge gegessen, die ihm zu Kopf gestiegen sind und ihm den Verstand verwirrt haben.«
Harun sagte: »Man bringe ihm vierzig Tage lang leichte Gerichte aus meiner Küche; wenn es dem Allmächtigen gefällt, wird das eine Änderung und einen Wechsel in seinem Wesen herbeiführen.«
So wurde also der angebliche Prophet vierzig Tage lang genährt; und als sie abgelaufen waren, wurde er dem Chalifen von neuem vorgeführt. Der Chalif fragte ihn: »Bist du noch immer ein Prophet?«
Er antwortete: »O Harun, nach den Herrlichkeiten, womit du mich überhäuft hast, erhebe ich keinen Anspruch mehr, ein Prophet zu sein, sondern ein Gott.«
EIn Sultan verließ eines Morgens zu guter Stunde seinen Palast; er zog in den Krieg. Auf dem Wege sah er, wie ihm ein Musikant entgegenkam, der ein Instrument in der Hand hielt; und der hatte einen scheelen und halbstarren Blick. Der Sultan versah sich von dieser Begegnung nichts guten; drum ließ er dem Musikanten vierzig Stockstreiche geben und ihn in den Kerker werfen. Ein Jahr verstrich, und der Sultan kehrte, nachdem er sich zahlreiche Länder unterworfen hatte, als Sieger und ruhmbedeckt in seine Hauptstadt heim. Nun kam ihm der Musikant wieder ins Gedächtnis; er ließ ihn aus dem Kerker holen und sich ihn vorführen.
Der Musikant sagte: »Sieh, Herr, nun bist du als Sieger zurückgekommen. Als ich dir begegnet bin, sah ich im Geiste deine Eroberungen voraus. ›Gott sei gelobt,‹ sagte ich mir, ›daß ich dich sehe,‹ und nahm es als ein gutes Vorzeichen. Unterdessen, siehe, ist es jetzt ein Jahr, daß ich im Kerker bin; wie viel Ungemach und Kümmernis habe ich gelitten! Wer von uns war denn nun eigentlich dem andern ein böser Angang?«
Der Sultan nahm die Rede des Musikanten in gutem auf, überhäufte ihn mit Wohltaten und entließ ihn als zufriedenen Mann.
Es ist, wie man sieht, notwendig, daß sich die Sultane und ihre Minister derer erinnern, die im Kerker schmachten, und sie sofort, wann sie ihnen ins Gedächtnis kommen, vor sich rufen.