[274.]

EIner von den Nachbarn des Hodschas Nasreddin war gestorben, und die andern luden den Hodscha ein, die vorgeschriebenen Bräuche zu vollziehen. Er sagte bereitwillig zu; er begleitete sie, der Tote wurde gewaschen, ins Leichentuch gehüllt und auf den Friedhof getragen und nach dem Gebete legte man ihn ins Grab. Als sich dann die Leute anschickten, wegzugehn, sagte der Hodscha: »Bezahlt mir, was mir für das Begräbnis zukommt.«

»Das ist billig,« sagten sie.

Sie befriedigten ihn und zerstreuten sich. Als aber jeder zu seinem Geschäfte zurückgekehrt war, band er den Sarg zusammen und trug ihn zu einem Flusse und ließ ihn dort; bald erfaßte ihn die Strömung und riß ihn fort. Unterdessen ging der Hodscha im ganzen Viertel herum und sagte: »Der Mann war reich an geheimen Verdiensten; er hat, tot, wie er war, samt seinem Sarge das Grab verlassen und ist zum Himmel gefahren.«

Jedermann glaubte es und traute seinen Worten, bis eines Tages einer von den Dorfleuten von ungefähr einen Sarg sah, der an das Ufer getrieben war; andere Leute kamen dazu, und sie nahmen den Sarg aus dem Wasser, und bald wußten sie, woran sie waren. Da sagten sie: »Morgen verlangen wir vom Hodscha das Geld für das Begräbnis zurück; mindestens muß er etwas nachlassen.«

Sie gingen zu ihm und setzten ihm ihre Forderung umständlich auseinander; aber der Hodscha antwortete ihnen, ohne sich erst zu bedenken: »Gott hat ihn zuerst für einen guten Menschen gehalten, aber er hat sich getäuscht; als er dann seinen Irrtum inne geworden ist, hat er ihn wieder heruntergeworfen.«

[275.]

EInes Tages kamen etliche Frauen an das Ufer eines Flusses, und sie wußten nicht, wie sie auf die andere Seite hinübergelangen sollten. Da kam der Hodscha heran, und der fragte sie: »Worauf wartet ihr?«

Sie antworteten: »Wenn du uns hinüberbringst, geben wir dir jede einen Asper.«

Augenblicklich legte der Hodscha Kleider und Hosen ab und stieg ins Wasser; und er trug eine nach der andern hinüber. Schließlich blieb nur noch eine alte Frau; die aber fühlte, wie er sie von dem einen Ufer ans andere trug, daß sie ein Gelüst ankam, und so sagte sie zu ihm: »Mir sind verliebte Gedanken gekommen, ich muß es schon gestehn; weißt du, wer ich bin, Hodscha?«