Die von Akschehir haben ja Nasreddins Macht, Wunder zu wirken, schon zu seinen Lebzeiten verspüren müssen. Als sie ihn einmal erzürnt hatten, ging Nasreddin auf den Akschehir beherrschenden Berg, der, etwa durch ein Erdbeben vergangener Zeiten, gespalten ist; vor diesen Spalt hing er einen kleinen Teppich, und damit machte er es den Winden unmöglich, über die Stadt hinzustreichen und die Wolken über sie zu schicken. Als der Regenmangel empfindlich zu werden begann, schickten seine Mitbürger eine Abordnung zu ihm mit der Bitte, er möge den verwunschenen Teppich von dem Spalte wegnehmen und seiner Vaterstadt einen Regen vergönnen. Der Hodscha ließ sich erweichen; und kaum hatte er den Rand des Teppichs ein klein wenig gehoben, so erquickte schon ein kühles Lüftchen die unter der Hitze schmachtende Stadt, und der Himmel säumte nicht lange, seine wohltätigen Schleusen zu öffnen[21].
Der Hodscha ist aber noch immer ein leicht reizbarer Herr; wenn einer, der an seinem Grabe vorbeikommt, so verstockt ist, daß er durchaus nicht lachen will, so straft er ihn schier augenblicklich mit seinem Zorne. Davon weiß der Verfasser der letzten türkischen Ausgabe ein Liedchen zu singen[22]; geben wir ihm das Wort: »Als wir, nämlich ich, die arme Schreiberseele, die dieses Buch verfaßt hat, mein Vater und der Gatte meiner Schwester, auf einer Reise die Straße nächst dem Mausoleum Nasreddins fuhren, ja dicht an diesem vorüberkamen, sagte mein Schwager: ›Wenn ich jetzt nicht über den Mann lache, wer weiß, was mir da schlimmes zustoßen wird.‹ So sprach er und hörte nicht auf uns, obwohl wir ihn inständigst baten. Als wir nun unter einem herabhängenden Aste einer alten Platane dahinfuhren, verfing sich dieser in dem Sommerdache des Bauernwagens und riß es in Fetzen; die Pferde wurden scheu, und auf ein Haar wäre der Wagen umgestürzt. Das Weinen war uns näher als das Lachen.«
Glücklicherweise können derartige Unfälle nicht oft vorkommen; denn es wird einem Türken recht schwer, bei dem Anblicke des Grabes, der die Erinnerung an Hunderte von Schwänken erweckt, ernsthaft zu bleiben, und ein drastischer Beleg ist dafür eine Geschichte, die Kúnos in Aidin aus dem Munde eines Augenzeugen gehört hat[23]: »Nach euerer Zeitrechnung war es im Jahre 1832, daß wir, als wir unter der Führung Ibrahim Paschas in Kleinasien waren, um den Aufruhr in der Gegend von Konia zu ersticken, auch bei Akschehir vorübermarschierten. Unser Weg führte an dem Friedhofe vorbei, und da entging es dem Blicke des Paschas nicht, daß keiner von den Soldaten, wenn ihre Blicke auf den Turban des Hodschas[24] fielen, ein Lächeln verhalten konnte. Der Pascha ließ halten; als er nun erfuhr, warum die Soldaten lachten, ließ er unter ihnen verlautbaren, wer an dem Grabe vorbeigehn könne, ohne zu lachen, den werde er beschenken. Manchen gelang es auch, das Lachen zurückzuhalten; endlich ging aber ein Albanese vorüber, der seinen Ernst um jeden Preis bewahren wollte. Kaum hatte er jedoch den sonderbaren Turban erblickt, so platzte er auch schon los, obwohl er seine Lippen und Zähne zusammengepreßt und die Augen fest geschlossen hatte, und schrie: ›So ein Mensch ist dieser Hodscha, daß er die Leute, wenn er es schon von oben nicht kann, so doch von unten zum Lachen bringt!‹«
Bei solchen Zeugnissen ist es denn nicht zu verwundern, daß sich eine Legende gebildet hat, die eine Begründung zu geben versucht, daß das Lachen über den Hodscha die Jahrhunderte überdauert hat und daß schon die Nennung seines Namens genügt, um es stets wieder hervorzurufen. Diese Legende, oder besser, dieses ätiologische Märchen, das ich allerdings nur in einer einzigen, serbischen Fassung[25] nachweisen kann, erzählt:
Es lebte einmal ein Evlija, ein Heiliger; er hatte drei Söhne, die alle drei Imame waren. Sein ganzer Besitz bestand in einem Widder. Eines Tages fragten ihn die Söhne: »Was werden wir heute essen?« Der Evlija zeigte auf den Widder. Alsbald sprangen die Söhne auf, schlachteten den Widder und zogen ihm das Fell ab; dann brieten sie ihn und verzehrten ihn. Sie sammelten hierauf alle Knochen, der Evlija stand auf, nahm den Koran in die Hand und betete über den Knochen, und die Söhne sagten Amen. Er betete, sie sagten Amen, er betete und sie sagten Amen, bis zuletzt der Widder wieder lebendig wurde. »Führt ihn in den Garten,« sagte der Evlija, und die Söhne führten den Widder in den Garten.
Am nächsten Tage fragten wieder die Söhne: »Was werden wir heute zu Mittag essen?« und der Evlija deutete mit dem Finger in den Garten und sagte: »Den Widder.« Die Söhne schlachteten ihn wieder, brieten ihn und aßen ihn. Sie sammelten wieder die Knochen und der Evlija nahm wieder den Koran und betete; die Söhne sagten Amen. Er betete und die Söhne sagten Amen, und der Widder wurde wieder lebendig.
Eines Tages ging der Evlija zu einem Grabe. Die Söhne ergriffen wie gewöhnlich den Widder, schlachteten ihn, brieten ihn und aßen ihn; auch die Knochen sammelten sie wieder. Einer von ihnen nahm den Koran und betete, und die andern zwei sagten Amen. Der eine betete und die andern sagten Amen, aber siehe da — der Widder wurde nicht lebendig.
Unterdessen kam der Evlija heim, und er fragte seine Söhne: »Wo ist der Widder? was habt ihr mit ihm gemacht?« Sie zuckten die Achseln: »Du siehst ja selber, was wir mit ihm gemacht haben.« Der Evlija besann sich, wie eben ein Evlija, sofort; er wußte alles, und darum wollte er sie nicht erst schelten, sondern fragte sie nur: »Wer hat ihn denn getötet?« »Der da,« antwortete Nasreddin. Und der Evlija sagte: »Auch er soll getötet werden!« Und er fragte wieder: »Wer hat ihm denn das Fell abgezogen?« »Der da,« antwortete Nasreddin. »Amen auch ihm! Und was hast du gemacht?« »He, he,« antwortete Nasreddin, »ich habe nur gelacht!« Nun sagte der Evlija: »Drum soll es geschehn, daß auch die Leute über dich lachen, und Gott gebe, daß alle Völker, weß Glaubens immer, über dich lachen, solange die Welt besteht!«[26]
Das Volk hat den Hodscha Nasreddin nicht nur unter die Märchenhelden, sondern auch unter die Heiligen versetzt; er hat ja auch kurz nach seinem Hinscheiden die Gläubigen, die in einer nahe bei seinem Grabe gelegenen Moschee versammelt waren, vor dem ihnen durch den Einsturz der Kuppel drohenden Tode errettet[27]. Und dort, wo sein Grab ist, in Akschehir, gibt es kaum eine Gasse, einen Brunnen oder eine Dschami, woran sich nicht Überlieferungen von Nasreddin knüpften, und von jeder Moschee wird behauptet, Nasreddin habe in ihr gepredigt: man zeigt dem Fremden, wo er über die Allgegenwart Gottes die Worte gesprochen hat: »Wenn Gottes Hand nicht alles lenkte, dann müßte wenigstens einmal etwas geschehn, wie ich es wollte!« und mit besonderm Stolze führt man den Besucher zu der Kanzel, auf der der Hodscha die berühmte dreigeteilte Predigt gehalten hat, die unsere Sammlung eröffnet[28].
Mag immerhin einer oder der andere, weil die Kette der Beweise nicht lückenlos ist, behaupten: Nasreddin hat nicht gelebt; das eine wird niemand leugnen wollen: Nasreddin lebt.