Über seinen Geburtsort gehn die Überlieferungen auseinander. Kúnos läßt die Entscheidung offen zwischen Siwri-Hissar und Akschehir, Behaï gibt Siwri-Hissar an, und Ali Nouri[29], der pseudonyme Verfasser einer deutschen Ausgabe von Nasreddins Schwänken, sagt kurzer Hand, daß er in Akschehir geboren sei. Flögel nennt Jenischehir als Geburtsort; aber die von Akschehir, die förmlich mit Eifersucht alles hüten, was an den Hodscha erinnert, weisen es entschieden zurück, daß er in Jenischehir jemals auch nur gewesen sei[30]. Wohl nur auf dem Schlusse aus seiner Zeitgenossenschaft mit Timur und Bajazet beruhen die Angaben, daß er, wie Behaï sagt, in der Regierungszeit Sultan Orchans (1326–1359) oder, nach andern, um 1360 geboren sei. Kombination ist natürlich auch alles übrige, was über seine Lebensumstände erzählt wird, obwohl es im allgemeinen herzlich wenig ist; andere Quellen als die Schwänke gibt es ja nicht. Und bei dem jüngsten Biographen Nasreddins fühlt man leicht, daß der Wortschwall als Mittel verwandt wird, um die peinlich empfundene Unwissenheit zu verdecken; immerhin sei mitgeteilt, was dieser zu berichten weiß[31]:
»Nach der herrschenden Meinung hat sich der verewigte Hodscha in Akschehir und wohl auch in Konia dem Studium und der Vervollkommnung in den Wissenschaften hingegeben. Dann war er in einigen Städten und Bezirken in der Nähe von Akschehir Kadi. In seiner Vaterstadt Siwri-Hissar war er Prediger. In einigen andern Orten war er Lehrer an geistlichen Seminaren und Vorbeter. Auch hat er Amtsreisen unternommen in die Wilajete Konia, Angora und Brussa, sowie in einige andere angrenzende Provinzen. ... Er gehörte zu den Juristen aus der Rechtsschule Abu Hanifas[32] ... Als er einmal von der Regierung in Staatsgeschäften nach Kurdistan geschickt wurde, sagte dort einer, der ihn erkannte: ›Unser Hodscha versteht sich sogar auf Politik und Regierungskunst und ist darum ein ganzer Mann.‹ Ein andermal wurde er in Akschehir mitten aus einer Versammlung herausgeholt; für die Regierung hatte sich nämlich die Notwendigkeit ergeben, sofort Eilboten dorthin zu schicken und ihn aufzufordern, so schnell wie möglich in die Hauptstadt zu kommen. Meistens beschäftigte er sich mit der mohammedanischen, auf Koran und Überlieferung gegründeten Rechtskunde.«
Die Naivetät, die aus diesen Erzählungen spricht, wird noch übertroffen durch die groteske Art der Lobsprüche, die Behaï dem Hodscha angedeihen läßt. Mit Entrüstung erfüllt es ihn, daß man versucht hat, unwahre Behauptungen über Nasreddin durch erfundene Geschichten zu stützen, und daß in einem von ihm nicht näher bezeichneten Buche der Ausspruch getan wird: »Der Hodscha zeigt manchmal den höchsten Grad von Freigeisterei; auch ist er nicht Wandermönch geworden. Es ist dem Gedächtnis überliefert, daß seine durch anderweitige Beispiele erwiesene fluchwürdige Gottlosigkeit gewiß der als göttliche Strafe zu gewärtigenden Vernichtung würdig ist, und daß er Fragen der Jurisprudenz und der Theologie im Verkehre mit den verschiedensten Klassen der Muselmanen unter der Verhüllung durch Schwänke behandelt hat. Möge ihm Gottes Barmherzigkeit noch zu teil werden!« Dagegen donnert Behaï in folgender Philippika: »Nirgends ist bei Sr. Hochehrwürden und Sr. Heiligkeit — nämlich Nasreddin — irgendein der Welt schmeichelnder Unglaube festzustellen. Seine Gerechtigkeit steht außer Zweifel, gemeine und niedrige Handlungen finden sich bei ihm nicht; ja nicht einmal in Gedanken hat er gesündigt. Freilich gibt es — das sei in aller Ehrerbietung gesagt — auch für den Hodscha eine Grenze, über die hinaus seine sittliche Kraft nicht reicht: da auch er nur ein Mensch war, da auch ein Muselman nicht ohne Sünde ist, hat wohl auch er in Sünde fallen können, und es ist möglich, daß er in seiner Kindheitszeit und seinem Jünglingsalter unpassendes getan, ja eine Sünde begangen hat; nur allmählich vervollkommnete er sich, machte er Fortschritte in der Wissenschaft, in den Kenntnissen, in der sittlichen Vervollkommnung und in der Weisheit und bildete Körper und Charakter aus, bis er schließlich zu dem höchsten Grade der Vereinigung mit Gottes Heiligkeit und seinem heiligen Geiste gelangt ist.« Und an einer andern Stelle heißt es: »Staunenswert war seine asketische Frömmigkeit; selbst im Schlafe hat er sich nie durch unreine Gedanken befleckt.« Und weiter: »Er zog es vor, sich betrügen zu lassen, ja sogar einen empfindlichen Schaden zu erleiden, als irgendeinem Menschen eine schändliche Lüge oder einen Betrug zuzutrauen ... Se. Hochehrwürden, der verewigte Nasreddin war ein tiefgründiger Gelehrter, der der Weltlust und den weltlichen Dingen entsagt hat; er war eine durchaus reine und lautere Natur in des Wortes tiefster Bedeutung, er war geradezu eine Engelsnatur.«
Der Leser soll nicht weiter gelangweilt werden; hoffentlich begleitet ihn aber die Erinnerung an diese Panegyriken bis zu der Lektüre der Schwänke.
Ebenso schmerzlich wie den dem Hodscha gemachten Vorwurf der Gottlosigkeit empfindet es Behaï auch, daß dieser manchen nur als einfacher Spaßmacher gilt: »Wir zählen den verewigten Hodscha zu einer Art von Persönlichkeiten, die nur auf ein einziges Volk — nämlich das türkische — beschränkt geblieben ist; weder Behlewal Dana in der Anfangszeit des Islams, noch der sprichwörtlich gewordene Mudschadib, noch Dschoha, noch Männer wie Abdal, die sich ihn zum Vorbilde nahmen, noch Abu Dulama von den Arabern, noch Talhak von den Persern, diese Schmarotzerseelen, noch irgendein anderer von den übrigen Völkern kann mit unserm Hodscha verglichen werden.«[33]
Dieser Ausspruch ist nicht unwichtig; er beweist, daß man auch in dem Volke, dem Nasreddin angehört, schon die Verwandtschaft erkennt, die ihn mit andern Gestalten verbindet, die, ob historisch oder nicht, als wenig verschiedene Typen die Helden des Dummheitsschwankes und oft zugleich des Schlauheitsschwankes darstellen. Von diesen haben wir uns hier noch mit Dschoha zu beschäftigen.
Der Umstand, daß Dschoha viele sonst mit Nasreddin verbundene Schwanküberlieferungen auf sich vereinigt, hat einzelnen Gelehrten den Anlaß zu der Behauptung gegeben, Nasreddin und Dschoha seien einunddieselbe Person, und man hat sogar versucht, das arabische Wort Dschoha als eine Ableitung des türkischen Hodscha zu erklären[34]. Diese Meinungen sind aber unhaltbar, da Dschoha als ein dem Hodscha Nasreddin ähnlicher Typus lange vor diesem belegt ist.
Schon der Fihrist des 995 gestorbenen ibn Ishak an Nadim, eine Bibliographie der damals vorhandenen arabischen Literatur, nennt unter den Schwankbüchern unbekannter Verfasser ein von Dschoha handelndes[35]; dieses ist ebenso wie die andern dieser Gruppe angehörenden Schriften verloren. Die nächste Erwähnung Dschohas findet sich in dem Kitab madschma al amthal des 1124 verstorbenen al Maidani, einer großen arabischen Sprichwörtersammlung[36]; Maidani belegt einzelne Sprichwörter, die mit dem Namen eines Einfaltspinsels verknüpft sind, mit kleinen Erzählungen von dem betreffenden, und so hat er auch drei Geschichten von Dschoha[37]. Dieser führt aber auch noch zugleich mit Nasreddin ein von ihm unabhängiges Dasein; der Thamarat al aurak von ibn Hidschdscha al Hamawi (1366–1434) bringt von ihm einige Schwänke und sagt über ihn: »Manche behaupten, daß er der unterhaltendste Mensch von der Welt gewesen sei, daß es aber zwischen ihm und den Leuten Zwistigkeiten gegeben habe, und daß man ihm alle möglichen Geschichten beigelegt habe; andere sagen, er sei der leichtfertigste Taugenichts gewesen.«[38]
Bis zum fünfzehnten Jahrhunderte, oder wenn man auf die Tatsache, daß keine ältere Aufzeichnung Nasreddinscher Schwänke erhalten ist, pochen will, bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts können also die Überlieferungen des Dschohakreises als die ältern nicht von solchen der Nasreddingruppe beeinflußt worden sein; daß aber später Dschoha und Nasreddin, die ja, der eine für die Araber, der andere für die Türken, gleichartige Typen des Narren und Volkslieblings darstellen, ineinander übergeflossen sind, ist leicht verständlich. Dem tragen die heute im arabischen Oriente außerordentlich verbreiteten Drucke Rechnung, die schon im Titel die beiden Personen identifizieren: Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha. Freilich läßt der Umstand, daß Nasreddin oft auch als Dschoha er-rumi, als rumelischer oder türkischer Dschoha bezeichnet wird[39], den Schluß zu, daß der Araber noch immer zwischen den beiden unterscheide und durch diese Bezeichnung nur die Ähnlichkeit, die auch er zwischen ihnen erkennt, ausdrücken wolle; dies erscheint aber als nebensächlich, weil zur Ausstattung beider Volkslieblinge der Schatz der alten Überlieferungen gleichmäßig geplündert worden ist und noch weiter geplündert wird. Was man heute vorläufig nur von Nasreddin erzählt — abgesehn natürlich von dem genannten oder ungenannten Schwankhelden, von dem es zuerst berichtet worden ist — wird morgen auch von Dschoha erzählt, und ebenso umgekehrt; klar ist es dabei, daß die Araber bei ihrer reichen Schwankliteratur meist die gebenden, die Türken die empfangenden sind.