Im Jahre 1299 der Hidschra (1883) hat Mehmed Tewfik in Stambul eine Sammlung von 71 Schwänken Nasreddins herausgegeben; wenige Monate später ließ er ihr 130 Schwänke von Buadem folgen. Buadem, zu deutsch: dieser Mann, ist eine von Tewfik erfundene Gestalt, zu deren Ausstattung er vorläufig viele Schnurren des Nasreddin-Dschohakreises verwandt hat. In geringerm Maße ist dies bei den 96 Schwänken festzustellen, die er seinem Buademwerke in der Ausgabe von 1302 beigegeben hat[53].

Nur zwei anscheinend neue Erzählungen, darunter eine von Timur, bringen die ihrer Einleitung halber schon oft zitierten Naszreddin hodsa tréfái, die Kúnos in Kleinasien aus dem Munde eines Aidiners aufgezeichnet hat; die Nummern 1 bis 123 finden sich, eine ausgenommen, schon in dem 125 Geschichten enthaltenden Volksbuche, und auch die Reihenfolge ist bis auf zwei Ausnahmen beibehalten worden[54].

Schon 1872 ist in Athen eine griechische Ausgabe der Schwänke Nasreddins erschienen mit dem Titel Ὁ Ναστραδὶν Χώντζας. Διηγήματα αὐτοῦ ἀστεῖα καὶ περίεργα[55]. Sie ist mir trotz allen Bemühungen unzugänglich geblieben, enthält aber angeblich denselben Text wie das bei Saliber in Athen erschienene Groschenbändchen Ὁ Νάσρ-ἐδδὶν-Χότζας καὶ τὰ ἀστεῖα ἀνέκδοτα αὐτοῦ. Dieses bringt, augenscheinlich in Übersetzung, viele Stücke aus dem Volksbuche, daneben solche, die bei Tewfik wiederkehren, aber auch eine Reihe von Erzählungen, die sich weder im Volksbuche, noch bei Tewfik finden[56]. Daß übrigens Nasreddin bei den Griechen eine selbständige Existenz führt, zeigt auch das im II. Bande S. 250 besprochene Märchen von Naxos[57].

Die serbische Ausgabe, aus deren Einleitung oben das Märchen von dem Evlija und seinen drei Söhnen mitgeteilt worden ist, nennt Mehmed Tewfik als Verfasser und trägt auf dem Titel den Vermerk Prevod s nemackog, Übersetzung aus dem Deutschen; dies ist aber nur zum Teile richtig. Die Seiten 9 bis 48 enthalten zwar Übertragungen aus Tewfiks Nasreddinausgabe, aber dazwischen sind einige aus dem Volksbuche entnommene Erzählungen eingeschoben, und manche beruhen überhaupt auf einer andern Quelle; der darauf folgende Abschnitt mit dem Titel Buadam bringt die 130 Buademschwänke in ungeänderter Anordnung, fügt aber noch vier mit Buadam beginnende Schwänke hinzu, die bei Tewfik kein Gegenstück haben, und das letzte Drittel des Buches, bezeichnet mit Dodatak oder Anhang erzählt neben einigen nach Camerloher übersetzten Geschichten eine lange Reihe von solchen, die dem serbischen Volksmunde entnommen sind, wenn sich auch etliche schon im Sottisier finden. In Serbien und in Bosnien laufen ja noch zahllose Überlieferungen von Nasreddin um: einige wenige sind wohl in südslawischen Zeitschriften und in der Anthropophyteia aufgezeichnet, andere werden nach einer gütigen Mitteilung von Hrn. Dr. Friedrich S. Krauss alljährlich in Volkskalendern erzählt; die meisten aber harren noch immer einer Niederschrift, wie dies auch in den andern früher unter türkischer Herrschaft gewesenen Balkanländern der Fall sein dürfte[58].

In kroatischer Sprache ist 1857 in Zara ein Buch erschienen mit dem Titel Nasradin iliti Bertoldo i njegova pritanka domisljatost, himbenost i lukavstina; mir liegt es in einem um Rätsel, Sprichwörter und Gedichte vermehrten Neudrucke vor: Nasradin k staroj matici povracen i Nasradinic, U Zadru (Zara), 1903. Wie schon der ursprüngliche Titel andeutet, ist es nichts als eine kroatische Bearbeitung des italiänischen Volksbuches von Bertoldo und Bertoldino, dessen Helden durch Nasradin und Nasradinic ersetzt sind. Aber auch eine Ausgabe von Schwänken Nasreddins gibt es in der kroatischen Sprache; ich kenne nur die keine Jahreszahl tragende zweite Auflage Posurice i sale Nasredina, Zagreb (Agram). Sie bietet eine nicht ganz vollständige Übersetzung des Tewfikschen Nasreddin und der 130 Buademschwänke — statt Buadem steht überall Nasredin —, aber anscheinend nicht nach der deutschen Ausgabe[59]; die Reihenfolge wird im allgemeinen beibehalten und nur gelegentlich, der beigegebenen Illustrationen halber, geändert. Dann und wann sind andere Erzählungen eingestreut, und von S. 64 an wechseln Schwänke aus dem Volksbuche mit andern, von denen ein Teil mit solchen aus der oben, S. XXVII zitierten deutschen Ausgabe von Ali Nouri übereinstimmt. Die Illustrationen sind dieselben wie bei Ali Nouri[60].

Verhältnismäßig wenig aus dem Volksbuche, sondern meistens selbständige Schnurren, von denen gleichwohl einige mit griechischen und serbischen Hodschageschichten übereinstimmen, enthält die schon einmal erwähnte Gedichtesammlung Nazdravaniile lui Nastratin Hogea von Anton Pann, die zum ersten Male 1853 erschienen und oft nachgedruckt worden ist; in deutscher Sprache hat sich in einer poetischen Bearbeitung einiger, nur zum Teile dem Volksbuche angehöriger Schwänke Nasreddins der in Kroatien geborene Franz von Werner, der schon in jungen Jahren in türkische Dienste getreten ist, unter dem Namen Murad Efendi versucht; sein Nassreddin Chodja ist 1878 in Oldenburg erschienen.

Auch ins Armenische sind die Schwänke Nasreddins übersetzt worden, und sie haben ihren Weg weiter genommen über Gebirge und Steppen; besonders sollen sie die Bewohner des Berglandes von Dagestan lieben, und nicht nur in Tiflis, sondern auch in Kasan erscheinen immer neue Ausgaben, die sich dem türkischen Volksbuche anlehnen. Nach Nikolaj Katanoff in Kasan ist Nasreddin sogar bei den Tarandschi an der sibirisch-chinesischen Grenze bekannt[61], und daß ihn auch die Perser kennen, haben wir schon gesehn. Freilich wechselt er dabei seine Volkszugehörigkeit: im Kaukasus ist er ein Tscherkesse, in Kasan ist er ein Tatare, in Persien ist er ein Perser, so wie er in Serbien ein Serbe geworden ist. Darum spiegeln die Schwänke, die in den verschiedenen Ländern an ihm haften geblieben sind, den Humor dieser Völker ab; am deutlichsten ist das Bild natürlich bei den Türken, wo er den Nationalheros des Witzes darstellt: dort bilden die Nasreddinschen Schnurren nicht nur einen Unterhaltungsstoff in den Kaffeehäusern und bei den Abendgesellschaften, sondern sie dienen auch in den Pausen der Gerichtsverhandlungen zu willkommenem Zeitvertreib; die Kinder erzählen sie schon einander, und die Erinnerung an sie wird durch zahlreiche Sprichwörter[62] lebendig erhalten.

Mehrmals ist der Versuch gemacht worden, Nasreddins Wesen durch einen Vergleich mit einem bekanntem, abendländischen Vertreter seiner Gattung zu deuten; am nächsten liegt in solchen Fällen stets unser Eulenspiegel, und so ist denn Nasreddin schon von Hammer und später von Ethé, Barker, Wilhelm Schott und andern als der türkische Eulenspiegel bezeichnet worden. Dagegen hat sich Köhler gewandt: »Eulenspiegel ist stets ein durchtriebener Schalk, der nie etwas einfältiges oder dummes sagt oder tut, sondern stets wohl berechnete Streiche und Possen mit vollem Bewußtsein ausführt, um andere zu necken und zu verspotten; Nasreddin dagegen ist ein echter Narr, d. h. ein Gemisch von grenzenloser Einfalt und Dummheit und von Geist und Witz, etwa — wenn man einen Deutschen vergleichen will — wie Klaus Narr.« Aber auch dieser Vergleich beruht nur auf dem wenigen gemeinsamen, läßt jedoch das viele ungleichartige unberücksichtigt; und dasselbe ist es mit dem Vergleiche, den Cantimir anstellt, indem er Nasreddin einen türkischen Äsop nennt[63]. Klaus Narr war kein Äsop, und Äsop war kein Abderit; Nasreddin ist aber Äsop und Abderit zugleich.