Der erste, der sich mit den Schwänken Nasreddins wissenschaftlich befaßt hat, war der ausgezeichnete Gelehrte Reinhold Köhler; er hat 1862 im Orient und Occident das Camerlohersche Büchlein zum Gegenstande einer Abhandlung gemacht[64]. Ihm folgte, nachdem Decourdemanche die Forschung nach Quellen und Parallelen Nasreddins als unnütz bezeichnet hatte[65], der Professor und derzeitige Dekan an der Universität Algier, René Basset, der den von A. Mouliéras gesammelten und ins Französische übertragenen kabylischen Dschehageschichten eine groß angelegte kritische Studie gewidmet und diese durch viele gelegentliche Nachträge in der Revue des traditions populaires und durch einen Aufsatz im Keleti szemle ergänzt hat. Die Abhandlung Horns in eben dieser Zeitschrift und besonders die umfassende Studie Hartmanns in der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde sind schon öfters erwähnt worden.
In dem vorliegenden Buche hat der Herausgeber versucht, sich die Resultate der von diesen Gelehrten geleisteten Arbeit zunutze zu machen und auf ihnen weiterzubauen. Die dazu notwendige Grundlage, die Schwänke, sind im ersten Bande dem alten türkischen Volksbuche, wie es in den Übertragungen von Camerloher, Barker und Decourdemanche vorliegt, dem Sottisier von Decourdemanche, den Historikern und den von Kúnos gesammelten Texten entnommen; der zweite Band bringt die von Basset in der Revue des traditions populaires übersetzten Geschichten des Nawadir el chodscha nasr ed-din, die von Mardrus veröffentlichten Dschohageschichten, die arabischen und berberischen, hauptsächlich von Stumme und Mouliéras gesammelten Schwänke derselben Gattung, die maltesischen Dschahanschwänke, die Giufàgeschichten Siziliens mit Ausnahme der in der leicht zugänglichen Sammlung von Gonzenbach erschienenen, die kalabrischen Juvadigeschichten und die kroatischen, serbischen und griechischen Nasreddinschnurren. Im allgemeinen ist es vermieden worden, gleichartige Behandlungen desselben Motivs aufzunehmen; die Bibliographie jedes Schwankes bildet, soweit sie in den Kreis der zu Nasreddin, Dschoha, Dschahan usw. gehörigen Überlieferungen fällt, den ersten Absatz der zu dem Schwanke gehörigen Anmerkung, die im übrigen die etwa vorhandene Literatur bringt und manchmal auch auf eine vergleichende Darstellung anderer Versionen des betreffenden Motivs eingeht. Recht getan glaubt der Herausgeber zu haben, daß er die hin und wieder im Sottisier vorkommenden Schwänke, die nicht von Nasreddin handeln, nicht von der Aufnahme ausgeschlossen hat; einmal werden viele von ihnen auch von Nasreddin oder Dschoha erzählt, und dann bieten sie auch an und für sich schon einen Beitrag zur Geschichte und zum Verständnis der türkischen Schwankliteratur, der wohl, wenn er so nahe liegt, nicht zurückgewiesen werden soll. Ein Anhang bringt Mitteilungen über Schwänke, die aus mehrfachen Gründen in dem Texte keinen Platz finden konnten.
Eine angenehme Pflicht ist es dem Herausgeber, Herrn Professor Dr. Hans Stumme und Frl. Berta Ilg seinen besten Dank auszusprechen für die Liebenswürdigkeit, womit sie ihm den Abdruck einzelner Stücke aus ihren Büchern gestattet haben.
Tetschen a. E., im Juli 1911.
Albert Wesselski.