EIner lud Dschoha ein in der Absicht, ihn zu hänseln; er brachte Rosinen in einer zugedeckten Schüssel, worein er auch Mistkäfer getan hatte. Als der Deckel abgenommen wurde, liefen die Käfer davon; aber Dschoha machte sich daran, sie aufzulesen und zu essen. Der Hausherr fragte ihn: »Was tust du denn?« Und Dschoha antwortete: »Ich fange vorerst die Ausreißer; die Rosinen rühren sich ja nicht von der Stelle.«
2. Aus der von Mardrus besorgten Ausgabe von Tausend und einer Nacht
IN den Jahrbüchern der alten Weisen, o König der Zeit, und in den Schriften der Gelehrten wird erzählt und durch die Überlieferung ist auf uns gekommen, daß in der Stadt Kairo, diesem Sitze des Frohsinns und des Geistes, ein Mann gewesen ist, der wie ein Dummkopf aussah, aber unter dem Äußern eines ungewöhnlichen Narren einen unvergleichlichen Kern von Verschlagenheit, Scharfsinn, Witz und Weisheit verbarg, ganz zu geschweigen, daß er sicherlich der vergnüglichste, unterrichtetste und geistreichste Mensch seiner Zeit war; mit seinem Namen hieß er Dschoha, und von Beruf war er nichts, gar nichts, wenn er auch gelegentlich in den Moscheen das Predigeramt ausübte.
Eines Tages sagten nun seine Freunde zu ihm: »Schämst du dich denn nicht, Dschoha, daß du dein Leben im Müßiggange verbringst und deine Hände samt den zehn Fingern zu nichts anderm brauchst, als um sie voll zum Munde zu führen? Und denkst du nicht, daß es die höchste Zeit wäre, dein Luderleben aufzugeben und dich den Sitten aller Welt zu fügen?«
Dschoha antwortete darauf nichts. Aber eines Tages fing er einen großen, schönen Storch mit herrlichen Flügeln, die ihn hoch in den Himmel trugen, mit einem wunderbaren Schnabel, dem Schrecken der Vögel, und mit zwei Lilienstengeln als Beinen. Und nachdem er ihn gefangen hatte, stieg er mit denen, die ihm Vorwürfe gemacht hatten, auf das Dach seines Hauses, und dort schnitt er dem Storche mit einem Messer die herrlichen Federn der Flügel und den wunderbaren langen Schnabel und die hübschen, so zierlichen Beine ab, stieß ihn mit dem Fuße hinaus und sagte: »Fliege! fliege!«
Entrüstet schrien ihn seine Freunde an: »Daß dich Allah verfluche, Dschoha! Warum diese Verrücktheit?«