[383.]

DSchuha pflegte mit seiner Mutter unter einem Tuche zu schlafen, und allmorgendlich, wann der Muezzin auf das Minaret stieg, um zum Gebete zu rufen, stand seine Mutter auf und nahm das Tuch um, so daß Dschuha in der Kälte bloß liegen mußte. Eines Tages sprach er bei sich: »Dieser Muezzin ist doch ein nichtswürdiger Mensch; jede Nacht stört er mich.« Er ging zu ihm hinauf aufs Minaret; und während der Muezzin zum Gebete rief, erschlug er ihn. Und er schnitt ihm den Kopf ab und warf ihn in den Brunnen seines Hauses. Dann ging er zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Jetzt habe ich dir glücklich Ruhe vor dem Muezzin verschafft; ich habe ihn getötet und ihm den Kopf abgeschnitten.« Die Mutter fragte ihn: »Wo ist denn der Kopf?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn in unsern Brunnen geworfen.« Nun sagte die Mutter: »Geh jetzt hinein und leg dich schlafen; sonst wird man kommen und dich festnehmen.« Dschuha ging ins Zimmer und legte sich schlafen und die Mutter deckte ihn zu.

Sie schlachtete ein Hämmelchen, das sie hatte, und warf den Kopf in den Brunnen; das Netz und den Magen nahm sie her und machte Würste daraus. Die kochte sie, ging damit zu Dschuha und warf sie auf den Boden; dann sagte sie zu ihm: »Steh auf, Dschuha, es hat Würste geregnet.« Dschuha erhob sich, las die Würste auf und aß sie. Hierauf ging er aus; er fand die Moschee voller Menschen und die fragten einander: »Was ist das? der Muezzin hat keinen Kopf; wer hat ihn getötet?« Dschuha sagte zu ihnen: »Ich habe ihn getötet.« Sie fragten ihn: »Wo ist sein Kopf?« Er sagte: »Den habe ich in unsern Brunnen geworfen.« Nun hieß es: »Wir müssen zu Dschuha gehn, damit wir sehn, ob das wahr oder gelogen ist.« Man ließ Dschuha in den Brunnen hinab, damit er den Kopf des Muezzins heraufhole. Als er nun im Wasser herumtastete, kamen ihm die Hörner des Hammels in die Hand; da sah er hinauf und rief denen oben zu: »Hat euer Muezzin Hörner gehabt oder nicht?« Sie sagten: »Was soll das heißen? Wann hast du ihn übrigens getötet?« Dschuha antwortete: »In der Nacht, wo es Würste geregnet hat.« Da sahen sich die Leute an und sagten: »Ach, das ist ja der verrückte Dschuha!«

[384.]

DSchuha hatte einen Oheim von Vaters Seite, und in dessen Frau war er verliebt und sie gewährte ihm auch ihre Gunst; da verstieß sie der Oheim und nahm eine andere Frau und die warnte er mit den Worten: »Dschuha ist ein Taugenichts; hüte dich ja, daß er dir zu nahe kommt und du ihm irgendeine Gunst gewährst.« Dschuha war der Schafhirt seines Oheims; und wenn er abends heimkam und die Frau anzureden versuchte, so wies sie ihn allemal schnöde ab. Als er aber einmal die Schafe weidete, kam er zu einem unterirdischen Gewölbe; dahinein trieb er die Schafherde, und den Eingang verrammelte er. Er ging zu seinem Onkel und sagte zu ihm: »Die Schafe sind weg.« Sein Oheim, der Ärmste, machte sich auf und suchte mit seiner Frau die Schafe; die waren in dem Gewölbe. Als die Suchenden dort in die Nähe kamen, begann auf einmal Dschuha für sich zu sprechen. Sein Oheim sagte: »Was redest und sprichst du da?« Dschuha antwortete: »Die Vögel sprechen mit mir.« Der Oheim fragte weiter: »Was sagen sie dir denn?« Dschuha antwortete: »Was mir die Vögel sagen, kann ich dir nicht wiedersagen; es schickt sich nicht.« Der Oheim dachte eine Weile nach; dann sagte er: »Sag es mir; es tut weiter nichts.« Dschuha antwortete: »Die Vögel haben zu mir gesagt: ›Wenn du die Frau deines Oheims wirst küssen, wirst du die Schafe finden müssen.‹« Da sagte der Oheim: »Also, Dschuha, ich soll die Schafe finden, wenn ich dir meine Frau überlasse?« Dschuha antwortete: »Ja, bei Gott. Wahrhaftig.« Nun sagte der Oheim: »Wohlan denn, nimm sie dort ins Gebüsch und küsse dich satt an ihr.« Dschuha nahm sie ins Gebüsch und küßte sich satt an ihr. Dann kam er aus dem Gebüsche hervor und begann wieder ein Selbstgespräch. Der Oheim fragte ihn: »Was hat dir der Vogel jetzt gesagt?« »Er hat mir gesagt, wo die Schafherde ist, nämlich dort in dem unterirdischen Gewölbe.« Der Oheim fragte ihn wieder: »Wirklich? oder lügst du mir etwas vor?« Bald waren sie bei dem Gewölbe und Dschuha öffnete es und ließ die Schafe heraus; und er sagte: »Nun, Oheim, da haben wir also die Schafe wiedergefunden.« Als sie dann zu Hause waren, sagte Dschuhas Oheim zu seiner Frau: »Dieser Dschuha ist ein Taugenichts; er verspottet uns und macht sich über uns lustig.« Und damit jagte er Dschuha weg.

[385.]

DSchuha hatte einen kleinen Esel. Den entdeckten etliche lose Buben und nahmen ihn weg; und als sie ihn gestohlen und verkauft hatten, kamen sie wieder zu Dschuha und sagten zu ihm: »Dschuha, dein Esel ist Kadi geworden.« Dschuha antwortete: »Wahrhaftig?« Sie beteuerten es: »Wir haben ein Buch vor uns hingelegt und zu lesen begonnen, und da hat er uns zugehört.« Dschuha nahm einen Futtersack und ging damit zum Kadi. Der Kadi sprach gerade Recht; da hielt ihm Dschuha den Futtersack hin und sagte zu ihm: »Komm, friß Gerste; du bist doch ein Esel.« Der Kadi blickte auf und sagte: »Was soll das heißen? du machst mich zu einem Esel, verfluchter Junge? Greift ihn und verabreicht ihm zweihundert Hiebe.« Dschuha erhielt also von den Dienern die Hiebe; aber er schrie: »Ach, ich werde dir keine Gerste und kein Stroh mehr geben; wann ich aber wieder frei bin, werde ich dirs schon zeigen.« Der Kadi blickte auf und sagte: »Der Mensch ist verrückt; was war dein Esel wert, mein Junge?« Dschuha antwortete: »Hundert Piaster.« Der Kadi befahl: »Gebt ihm hundert Piaster und jagt ihn weg.« Aber Dschuha begann wieder: »Wenn du nun nicht mein Esel bist, wo ist denn dann mein Esel?« Der Kadi fragte ihn: »Was war es mit deinem Esel?« Dschuha sagte: »Ich suchte ihn, konnte ihn aber nicht finden. Da sind mir etliche Leute begegnet und die haben zu mir gesagt: ›Dein Esel ist Kadi geworden.‹ Da bin ich zu dir gekommen und du hast mir zu dem nötigen verholfen. Drum bist du wirklich ein Kadi und kein Esel.« Der Kadi ließ die Leute holen, die diese Geschichte angestiftet hatten; man brachte sie und der Kadi befahl: »Gebt jedem zweihundert Hiebe.« Und dann sagte er zu ihnen: »Ihr müßt Dschuha seinen Esel wieder verschaffen.«

[386.]

DSchuhas Familie hatte als Nachbarn in der Gasse sehr angesehne Leute, und in dem Nachbarhause war eine Frau, die einen Einäugigen zum Liebhaber hatte; den sah Dschuha täglich das Haus betreten. Was tat nun Dschuha? Er kaufte sich eine ganz magere Ziege und die schlachtete er; dann versammelte er die Hunde des Stadtviertels um sich und schnitt ihnen das Fleisch der Ziege zurecht und gab es ihnen zu fressen. So kam auch ein einäugiger Hund dazu. Die andern Hunde hatte er schon alle satt gemacht und sie waren wieder weggelaufen; nun nahm er den einäugigen Hund her, der darauf wartete, daß er ihm zu fressen gebe: er jagte ihn in die enge Gasse hinein und schlug auf ihn los, bis schließlich der Hund in das Haus floh, wo die Frau mit ihrem einäugigen Liebhaber war. Der Hund lief also in die Tür und verkroch sich im Hausflur. Dschuha trat nun auch ins Haus, ging in den Hausflur und rief: »Hinaus mit dir, Einäugiger! Du frißt die Sachen der Leute und nimmst Reißaus und versteckst dich bei Fremden im Hausflur.« Die Frau hörte das, die Ärmste, kam von innen heraus und fragte: »Was gibts mit dem Einäugigen?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn mit eigenem Auge hineingehn sehn; er ist ein Hund und Hundesohn.« Da sagte die Frau bittend: »Da sind hundert Piaster; geh aber weg: du verursachst mir einen Lärm vor der Haustür.« Dschuha handelte mit ihr um den Betrag, bis sie ihm schließlich fünfhundert gab. Als er dann das Geld in der Hand hatte, sagte er zu ihr: »Dort im Hausflur steckt der Hund; jag mir ihn heraus.« Da blickte sie hin und sah den Hund, und sie sah, daß er einäugig war wie ihr Geliebter; und sie rief: »Ach, dieser nichtsnutzige Dschuha hat mich angeführt!« Damit jagte sie den Hund hinaus und Dschuha ging mit ihm weg.

[387.]