DSchuha pflegte die Kühe seiner Verwandten von Mutterseite auf die Weide zu treiben; ihm selber gehörte von der Herde nur ein Kalb. Die Kühe waren alle mager, Dschuhas Kalb hingegen fett; als er nun einmal auf das Kalb nicht achtgab, ersahen seine Verwandten die Gelegenheit und schlachteten es. Sie waren gerade dabei, es zu verzehren, als Dschuha heimkam; da sagten sie einfach zu ihm: »Dein Kalb hat uns so gefallen, daß wir es geschlachtet haben; jetzt essen wir es.« Dschuha bat sie und sagte: »Gebt mir wenigstens die Haut.« Sie gaben sie ihm. Er ging damit weg und bot sie im Basar zum Verkaufe aus. Den ganzen Tag bot er sie aus; schließlich verkaufte er sie um einen Heller. Er überlegte und sagte sich: »Was tu ich mit dem Heller?« Dann machte er ein Loch in den Heller, zog einen Faden durch und wickelte sich den Faden um den Finger und machte sich auf den Weg nach Hause. Da sah er vor sich zwei Männer auf der Straße; die hatten einen Kasten voll Goldstücke gefunden und waren eben dabei, sie mit einem Maße zu messen und sie zu teilen. Dschuha schlich sich von hinten an sie heran und warf seinen Heller mitten unter die Goldstücke; und er sagte zu ihnen: »Seid gegrüßt!« Sie fragten ihn: »Was ists mit dir?« Er antwortete: »Und was ists mit euch? Teilt ihr das Geld anderer Leute?« Sie antworteten: »Diesen Schatz hat uns Gott geschenkt; wir haben ihn regelrecht durch Zauberei gehoben.« Dschuha aber sagte: »Der Schatz gehört mir.« Sie fragten: »Wieso denn?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn gekennzeichnet, und zwar mit einem Heller, durch den ein roter Faden gezogen ist.« Sie suchten nach und fanden den Heller wirklich; nun sagten sie zu Dschuha: »Du hast recht; da müssen wir ihn unter uns drei teilen.« Dschuha aber erwiderte: »Nein; nehmt ihr eine Hälfte, und ich will die andere nehmen.« Und er nahm die Hälfte von den Goldstücken, und die andern nahmen die Hälfte. Er steckte sein Geld in den Bausch seines Burnus und ging heim.
DSchuha ging zu seinen Verwandten und öffnete seinen Burnus; da erstaunten sie und fragten ihn: »Woher hast du das viele Geld?« Er antwortete: »Wißt ihr das nicht? das ist ja das Geld für die Kalbshaut.« Sie sagten: »Da wollen wir doch auch unsere Kühe schlachten und die Häute verkaufen.« Dschuha sagte: »Schlachtet sie nur; ihr werdet reich daran werden.« Sie schlachteten also ihre Kühe und zogen ihnen die Häute ab. Dschuha hatte ihnen aber noch geraten: »Laßt die Häute stinkend werden; salzt sie nicht ein.« Als nun diese Bauern ihre Kühe geschlachtet, das Fleisch verzehrt und auch die Hunde damit gefüttert hatten, ließen sie die Häute liegen, bis sie zu stinken begannen. Nach drei oder vier Tagen sah Dschuha nach, und da fand er, daß aus den stinkenden Häuten Würmer herauskrochen; er ging wieder zu seinen Verwandten und sagte zu ihnen: »Nehmt jetzt die Häute und verkauft sie.« Sie gingen in den Basar und boten die Häute aus. Es kamen die Schuster und sahen sich die Häute an, und sie sahen, daß Würmer herauskrochen und daß sie entsetzlich stanken. Da sagten sie untereinander: »Sie wollen uns zum besten haben!« Damit nahmen sie die unglückseligen Verkäufer her und versetzten ihnen Faustschläge; und sie schrien: »Nehmt euer Aas wieder und werft es weg!« Die Verwandten Dschuhas zogen ab und entwichen; und sie sagten: »Wenn wir Dschuha nicht heute Nacht töten, so macht er uns noch ganz arm.«
SIe gingen zu Dschuha, nahmen ihn fest und banden ihn und sagten zu ihm: »Du hast uns also arm gemacht.« Dschuha sah sie an und sagte zu ihnen: »Ihr habt es also geglaubt, daß man stinkende Kuhhäute kauft? Ich habe euch ja nur zum besten gehabt.« Sie nahmen ihn also fest, fesselten ihn und steckten ihn in einen Sack; den banden sie zu und wollten also Dschuha ins Meer werfen. Als sie ans Ufer kamen, sahen sie einen Schafhirten auf der Weide; nun sagten sie untereinander: »Wir wollen den Sack einstweilen niederlegen und bei dem Hirten Milch trinken.« Sie gingen zu dem Hirten und fragten ihn: »Hast du einen Trunk Milch?« Er gab ihnen Milch in einem Schlauche und sie tranken sie. Dann setzten sie sich zu dem Hirten, den Kopf auf die Ellbogen gestützt; sie begannen schläfrig zu werden und schließlich übermannte sie der Schlaf. Der Hirt ließ sie ruhig schlafen und ging seine Schafe zurücktreiben; dabei sah er den zugebundenen Sack und er stieß mit seinem Stabe daran. Dschuha sagte im Sacke: »Laß mich in Frieden.« Der Hirt erschrak und sagte: »Ist das ein Mensch oder ein Geist? Was ists mit dir in dem Sacke da?« Dschuha antwortete: »Man will mich zu meinem Meister bringen, der mich unterrichten soll; und wen mein Meister unterrichtet, der sieht das Schicksalsbuch, das Gott verwahrt.« Da sagte der Hirt: »Ach, ich möchte gern an deiner statt hingehn.« Dschuha sagte: »Nein, damit bin ich nicht einverstanden.« Er stellte sich abgeneigt, obwohl er es gar zu gern gehabt hätte, wenn der andere seine Stelle eingenommen hätte. Aber der Hirt ließ nicht ab, Dschuha um diese Gunst zu bitten, bis Dschuha endlich nachgab und sagte: »Gut denn; binde den Sack auf, damit ich heraus kann.« Der Hirt machte den Sack auf und Dschuha kroch heraus; dann befahl er dem Hirten: »Zieh deine Kleider aus.« Er zog die Kleider des Hirten an und gab ihm die seinigen und die zog der Hirt alsbald an; dann steckte er ihn in den Sack und band den zu. Dann trieb er die Schafe vor sich her, und kehrte so ins Dorf zurück; vorher hatte er aber noch dem Hirten eingeschärft: »Wenn man dich fortträgt, so verhalte dich still; denn wenn du sprichst, wird man dich in die Tiefe des Meeres werfen.« Dschuhas Verwandte standen nach einiger Zeit, als Dschuha schon mit seiner Herde weit weg war, vom Schlafe auf, nahmen den Sack und warfen ihn ins Meer; dann sagten sie untereinander: »Jetzt sind wir ihn los.« Nun gingen sie heim, aber auf einem kürzern Wege als Dschuha, der erst in der Nacht ins Dorf kam. Alle Frauen im Dorfe waren frohen Muts und riefen: »Dschuha ist tot! wir sind ihn los!« Aber nach Sonnenuntergang, da kommt auf einmal Dschuha mit einer Schafherde ins Dorf! und die Frauen riefen: »Da ist ja Dschuha wieder! er lebt ja noch und ist gar noch nicht tot! und ihr habt gesagt: ›Wir haben Dschuha ins Meer geworfen, wir sind ihn los!‹«
NUn wurde Dschuha gefragt: »Woher hast du denn die Schafherde?« Und Dschuha antwortete: »Die habe ich aus dem Meere heraufgebracht: das Meer hängt am Himmel, und unterm Meere weiden die Schafe.« Sie sagten: »Rate uns, Dschuha, wie wir es anstellen sollen.« Dschuha sagte: »Bindet euere Kinder, fesselt sie, wie ihr mich gefesselt habt, steckt sie in Säcke und werft sie ins Meer; dann werden auch sie gegen Sonnenuntergang Schafe bringen wie ich.« Da nahm ein jeder sein Kind und steckte es in einen Sack; und sie trugen die Kinder zum Meere und warfen sie hinein. Nun war in dem Dorfe auch eine Witwe; die wandte sich an Dschuha und sagte zu ihm: »Ich habe keine Kinder.« Dschuha sagte: »Nimm deinen Hund und wirf ihn den Kindern nach; er wird dir schon gegen Sonnenuntergang Schafe bringen.« Die Witwe warf den Hund ins Meer; aber er schwamm natürlich wieder heraus. Dschuha saß versteckt auf der Spitze eines Hügels, besah sich die Sache und lachte für sich und rief dem Hunde zu: »Bring nur deiner Herrin schöne Hammel und Lämmer!« Der Hund schwamm aber immer wieder zurück ans Ufer zu seiner Herrin, ohne Schafe oder sonst etwas mitzubringen. Da rief die Frau Dschuha herbei und sagte: »Mein Hund da hat mir keine Schafe gebracht.« Dschuha antwortete: »Weil er nicht untergetaucht ist; hätte er getaucht, so hätte er dir welche gebracht. Die andern werden, weil sie untergetaucht sind, gegen Abend Schafe bringen; binde ihm doch einen Stein an den Hals, damit er ordentlich untertaucht.« Als die Sonne unterging und die Kinder noch nicht kamen, sahen sich die Leute an und sagten zu ihm: »Dschuha, die Kinder sind nicht gekommen.« Dschuha antwortete: »Bis die Dunkelheit einbricht.« Es wurde dunkel, aber die Kinder kamen nicht wieder. Die Leute wurden unruhig und sagten zu Dschuha: »Die Kinder sind noch immer nicht gekommen.« Dschuha sagte: »Ja, habt ihr denn wirklich geglaubt, daß es in der See Schafe gibt? an euern Kindern haben sich heute die Fische gütlich getan.« Da begannen sie über ihre Kinder zu wehklagen und zu weinen; dann aber nahmen sie Dschuha fest, fesselten ihn und sagten: »Für den gibt es nur das eine, daß wir ihn in die gefährliche Einöde bringen und an eine Olive binden, damit ein Löwe kommt und ihn frißt.«
SIe nahmen Dschuha und brachten ihn in die Einöde; sie banden ihn nahe der Straße an eine Olive und verließen ihn. So an den Baum gefesselt, sah er einen Reiter kommen, einen Kaid, der beim Bei in Tunis gewesen war. Der Reiter kam heran und sagte: »Friede sei über dir.« Dschuha antwortete, als wäre er gar nicht geneigt gewesen, zu sprechen: »Über dir sei der Friede.« Der Reiter fragte ihn: »Warum bist du gefesselt?« Dschuha antwortete: »Geh, laß mich in Ruh! was fragst du mich?« Der Greis sagte: »Ist denn Fragen ein Verbrechen oder etwas unrechtes?« Dschuha antwortete: »Du wirst mich sicher wieder zu dem machen, was ich früher war.« Der Greis fragte ihn: »Was warst du denn früher?« Dschuha antwortete: »Ich war früher hundert Jahre alt: da man mich aber gefesselt und an den Baum Sidi Abd Elkaders gebunden hat, bin ich zu einem Dreißigjährigen geworden; denn jeder alte Mann, den man an diesen Baum fesselt und der sich still und stumm verhält, wird wieder jung.« Da sagte der Greis: »Freund, bei Gott, ist das so?« Dschuha antwortete: »Bei Gott.« Nun bat ihn der Greis: »Laß mich an deinen Platz«, und schließlich sagte Dschuha: »So binde mich denn los.« Der Greis band Dschuha los und der befahl ihm: »Leg deine Kleider ab; denn ich kann dir nur das Hemd auf dem Leibe lassen.« Der Greis zog seine Sachen aus und legte die Burnusse ab, die Seidenschale und das Turbantuch; und Dschuha zog, nachdem er ihn an seiner statt an die Olive gebunden hatte, seine Kleider an und bestieg seine Stute und ritt hinein ins Dorf. Nichts ahnend saßen die Leute da, als auf einmal Dschuha herangesprengt kam auf einer schönen Stute und in kostbaren Kleidern; sie fragten ihn: »Dschuha, woher hast du die Stute?« Er antwortete: »In der Schlucht dort laufen überall Pferde umher.« Sie sagten zu ihm: »Bei Gott, du lügst, du Taugenichts! wen hast du wieder zum besten gehabt?«