553.

Interessant ist ein griechisches, »Märchen« in den schon zitierten 52 Παραμύθια; es ist das 23. (S. 54 ff.): Ἡ γυναῖκα τοῦ Ναστραδὶν Χότζα, dessen wesentlicher Inhalt in einer breitern Fassung in den Νεοελληνικὰ Ἀνάλεκτα, II, Athen, 1874, S. 103 ff. als 33. der Λημώδη παραμύθια Νάξου wiederkehrt: Die Frau Nasreddins ist in den Arzt des Dorfes verliebt. Da er auf ihre Blicke und sonstigen stummen Liebeswerbungen nicht achtet, schickt sie ihm endlich durch ihre Magd eine Torte, worein sie einen Zettel gesteckt hat. Der Hodscha begegnet der Magd, nimmt ihr die Torte ab, ißt diese mit einem Freunde auf, liest den Zettel, übergibt der Magd einen andern, des Inhalts, daß er in der Dunkelheit kommen werde, und befiehlt ihr, der Frau zu sagen, sie habe ihren Auftrag ausgerichtet und der Arzt sende ihr diese Antwort. Ganz glückselig richtet die Frau alles her zum Empfange des Geliebten. Inzwischen geht der Hodscha zu dem Arzte und läßt sich von ihm ein stark wirkendes Abführmittel geben; in der Dunkelheit geht er dann in sein Haus. Seine Frau, die ihn erwartet hat, hält ihn, weil beide gleich dick sind, für den Arzt, und sie begeben sich sofort ins Bett. Nun beginnt auch schon das Abführmittel zu wirken: der angebliche Arzt besudelt nicht nur Bett und Zimmer, sondern auch die liebeshungrige Frau und macht sich endlich unter ihren Verwünschungen davon. Nach einigen Tagen kommt der Hodscha zurück, und sein erstes ist, daß er den Arzt zum Essen einlädt. Seinem der Magd erteilten Auftrage gemäß, fehlt auf dem Tische bald ein Löffel, bald eine Gabel, bald ein Glas, so daß er mehrmals Gelegenheit hat, das Zimmer zu verlassen und die Zornesausbrüche seiner Frau gegen den Arzt zu belauschen, dem sie schließlich einen Löffel Reis ins Gesicht wirft. Der Arzt entfernt sich, indem er dem Hodscha sein Bedauern ausspricht, daß sein Weib nicht recht bei Sinnen sei. Sie ist aber von ihrer Leidenschaft geheilt und liebt fortan ihren Hodscha so wie früher den Arzt.

Mit geringfügigen Abweichungen wird diese Geschichte in einer Novelle Bandellos erzählt, nämlich der 35. des I. Teiles: Nuovo modo di castigar la moglie ritrovato da un Gentiluomo veneziano‚; die Novelle Bandellos ist die Quelle der 1. Histoire in den Amans trompez, Amsterdam, 1696, S. 3 ff.: De Camille, et du Docteur du Cil, die wieder nach Tittmanns Einleitung zum II. Bande der Simplicianischen Schriften, Grimmelshausens, Leipzig, 1877, S. XIX ff. die Quelle der Erzählung im 5. bis 8. Kapitel des II. Teiles des Vogelnests, S. 174 ff. ist.

554.

Die griechische Ausgabe der Schwänke Nasreddins schließt mit einer Geschichte, in der Nasreddin gar nicht vorkommt; denselben Inhalt hat aber Buadem, Nr. 161 und überdies hat sie Renato La Valle 1910 im Giornale d’Italia, dessen Vertreter er in Konstantinopel ist, von Nasreddin mitgeteilt: Einmal erschien Nasreddin vor dem Sultan und klagte ihm sein Leid; »Ich habe nicht zu leben,« sagte er, »könnte aber mein Leben sehr gut fristen, wenn du mir durch ein Handschreiben die Erlaubnis gäbest, von jedem Muselman, der vor seiner Frau Furcht hat, fünf Para einzuheben.« Da die Zahl der Muselmanen, die ihre Weiber fürchten, sehr groß ist, wird der Hodscha bald ein reicher Mann. Da sagt der Sultan zu ihm: »Da du durch meine Gnade reich geworden bist, hoffe ich, daß du dich mir durch ein Geschenk erkenntlich zeigen wirst.« »Sicherlich, Großherr; ich habe dir auch schon eine wunderschöne Sklavin aus Cypern mitgebracht.« »Sprich doch leiser,« sagte der Sultan, indem er sich scheu umblickte; »im Nebenzimmer ist meine Frau.« Sofort nahm der Hodscha den Erlaß aus der Tasche und sagte: »Fünf Para her, Großherr!«

Vgl. Krauss, Zigeunerhumor, S. 208 ff.: Wer sich da vor seinem Weibe fürchtet‚.

555.

Zum Schlusse folge eine Dschohageschichte, die Reinisch in der Nubasprache, im Idiome von Fadidscha, aufgezeichnet, deren Übertragung ins Deutsche er aber aus naheliegenden Gründen unterlassen hat (Nuba-Sprache, I, S. 236 ff.):

Dschauha quondam gregem prae se agebat ac dum vadit magna voce clamavit: »Gregem meum totum is, sive vir erit sive femina, accipiet, qui me edocuerit, quo modo coitus instituatur.«