»Bitte sehr,« erwiderte er höflich. »Man zahlt gern, wenn man so gut aufgehoben ist. Ich hatte vor drei Jahren hier am Orte einen Prozeß. Damals vertrat mich Ihr Kollege, der auf der Herzogstraße wohnt, ich weiß nicht mehr, wie er heißt. Der Mann konnte mir nicht imponieren!« – »Herr Schulze,« sagte ich, »das war ja aber lauter Unsinn, was Sie mir damals sagten!«
Herr Schulze gab keine Antwort. Seine Augen quollen auf eine beängstigende Art hervor, er verzog sich rückwärts aus der Tür und kam nicht wieder.
Engelbert Meisenheimers Kriegsbeute
Von Heinrich von Schullern
Engelbert Meisenheimer, der uralte Radetzkyveteran, ist nun auch gestorben. Er war einer der »Salzburger Edelknaben«, die einst Brescia bezwangen. Dabei will gerade er sich löwenkühn benommen haben. Das hat seine eigene Bewandtnis.
»Nur die Liebe zu meiner jetzt im Herrn ruhenden Alten«, pflegte er noch in den letzten Lebensjahren zu erzählen, »war größer als die Ehrfurcht von unseren Generalen. Denken Sie nur, die Kathi ist meine Braut gewesen, den ganzen langen Krieg hindurch. Den reichen Obergugginger Franz hat sie ausgschlagen und geduldig auf mich armen Korporal gwartet. Ich war immer der Überzeugung, so etwas muß belohnt werden. Gold und Edelsteine haben andere aus Feldzügen mitgebracht. Bei Vater Radetzky aber – das ist uns gleich gsagt worden – war die Plünderei verboten. Recht so, hab ich gedacht und auch gut gheißen, wie unser Haynau mit dem Galgen gedroht hat. Es war grimmig schlecht von mir, daß ich in Brescia seinem strengen Befehl zuwiderghandelt habe; aber es war auch meine größte – Heldentat. Unter Haynau über die Welschen siegen, war eine Kleinigkeit, ein Kinderspiel. Seine strengen Befehle übertreten, diesem fürchterlichen Mann Trotz bieten, das hab nur ich und der Feldwebel Überacher Quirin vom Ersten Bataillon zusammengebracht. Er tragt die Hauptschuld, er hat mich überredet.
In einem Haus, aus dem sie tagsvorher siedendes Wasser hektoliterweis auf uns gschüttet haben, da drin ist der Quirin auf ein riesiges – Handschuhlager gstoßen. Ich hab mich lang gesträubt mitzutun. Aber Handschuh waren immer ein Traum meiner Kathi. Wie eine Gnädige hab' ich sie schon gsehn herumgehn. – Ich hab zwei Tag lang gekämpft mit mir selber, dann, na, dann hab ich halt eine Schachtel feine Damenhandschuh gepackt, eine einzige bloß. Die ist freilich gut versteckt worden! Und eine Angst hab ich ghabt, daß s' mir dahinterkommen! Der ärgste Jammer hat angfangen, wie wir nach Verona zurückmarschiert sind. Ich hab die leere Schachtel bei Nacht weggworfen und die Handschuhpakete, in lauter Fußfetzen und Socken eingemacht, in den Tornister gstopft. Wie's der Überacher mit seinen vielen Sachen gmacht hat, hab ich damals nicht gwußt. Der ist vor mir schon mit seinem Bataillon abmarschiert. Nur das weiß ich, daß ich mich schrecklich schwer getan hab, meine Leibesbagage auf dem Kompagniewagen vor dem Herrn Hauptmann zu verstecken. In Verona, in Vicenza und Treviso hab ich keine Nacht gut gschlafen. Nur der Gedanke an die Riesenfreud der Kathi, das war mein einziger Trost.
Wie wir dann viele Wochen vor Venedig glegen sind – es ist gar nicht zum sagen, was für Ängsten ich wegen der verflixten Handschuh ausgstanden hab. Wenn ich nur nicht der Kathi schon hätt' gschrieben ghabt, daß ich ihr etliche Paar Handschuhe 'kauft hab, alle wären sie ins Adriatische Meer gflogen, die gottunseligen Dinger. In den Laufgräben von Malghera ist mich auch noch das Fieber angekommen. Ich hab immer nur die Handschuh im Kopf ghabt. ›Nur nicht ins Lazarett!‹ hab ich immer gjammert und getan, als ob ich gsund wär. Ich hab's überwunden, die Krankheit, aber nachgschlichen ist's mir bis Padua und Verona. Der Regimentsarzt hat immer gsagt, das Lagunenfieber steck' wohl noch in mir; aber es war doch mehr die Angst und Schlaflosigkeit wegen die Handschuh, die mich ganz heruntergebracht hat. Es ist auch immer schlechter worden. Die ewige Angst, die Gewissensbisse! Ist mir nämlich berichtet worden, daß s' dem Überacher bald auf seinen Raub gekommen sind. Den Kopf hat er nicht verloren, aber – die Charge auf ja und nein. Und Stockprügel hat er auch bekommen, das höchste Maß. Ich einst so ehrsamer Junggeselle war gleich ihm ein elender Plünderer! Aus Liebe, nur aus Liebe zu meiner Kathi!