Das Protokoll

Von Wilhelm Scharrelmann

Ein Abbé erzählte einst folgende merkwürdige Geschichte:

»Ich hatte vor einigen Jahren durch das Spiel des Zufalls das Vergnügen, hier in Paris einen Jugendfreund wiederzutreffen, der mir seit langem nicht mehr zu Gesicht gekommen war. Allerdings, der zarte Hauch inniger Freundschaft, die uns einst verbunden, ließ sich nicht wieder erwecken, doch wurde unser Verhältnis herzlicher und vertraulicher, als es sonst zwischen Bekannten zu herrschen pflegt, und ich hatte genügend Gelegenheit, die Wunderlichkeiten und zeitweise verrückten Launen, die sich bei Herrn de P. mit den Jahren eingestellt hatten, kennen zu lernen, denn, unter uns gesagt, er war ein sehr merkwürdiger Kauz geworden, der seine Bekannten oft dermaßen düpierte, daß die meisten immer weniger Gefallen an seinem Umgang fanden und Herr de P. darum mit jedem Tag mehr vereinsamte. Ich bin sogar der Meinung, daß auch seine Verwandten ihn gänzlich sich selbst überlassen hätten, wenn nicht sein Reichtum und die zu erwartende Erbschaft sie bewogen hätte, seine Bosheiten und Wunderlichkeiten mit einem stoischen Gleichmute lächelnd zu ertragen. Er war ein alter Hagestolz, und die Frauen waren ihm so verhaßt, daß er selbst den Besuch weiblicher Verwandter stets übel nahm. Sein Haushalt war so einfach wie möglich. Ein Kammerdiener versah seine ganze Bedienung, und trotz seines Reichtums waren seine Ansprüche mehr als bescheiden. Seine Vereinsamung und eine heimtückische, schleichende Krankheit machten ihn vollends zum Hypochonder, und seine Gesellschaft wäre gewiß eine unerträgliche gewesen, wenn er nicht durch Geist und Witz, sowie durch große Schärfe des Verstandes den Mangel an Herz und Gemüt, der in allem, was er sagte, zutage trat, in etwas ersetzt hätte. Mit den Jahren und der immer zunehmenden Krankheit (er litt an einer Arterienverkalkung) verdüsterte sich sein Sinn mehr und mehr. Er fürchtete den Tod, trotzdem er sich oft darin gefiel, dieses letzte und größte Mysterium unseres Lebens zu verspotten. Eines Tages ließ er mich zu sich rufen und empfing mich, in seinem Bette liegend, mit den rasch hervorgesprudelten Worten: »Ah! Mein lieber Abbé! Ich möchte Sie bitten, einige Stunden am Lager eines Sterbenden zu verweilen. Ich bin bereit, Ihnen das Schauspiel meines Abganges von dieser elendesten aller Welten recht interessant zu machen. Aber bitte, nehmen Sie Platz! Jean soll Ihnen eine Bouteille bringen, und es soll Ihnen ganz gewiß an nichts fehlen, wenn Sie mir versprechen wollen, mich drei Stunden lang nicht zu verlassen! In den nächsten drei Stunden werde ich nämlich sterben und habe mir vorgenommen, die etwaigen Schrecken des Todes dadurch zu bannen, daß ich jede Phase meines Absterbens mit kaltem Blute verfolgen werde. Sie, lieber Abbé, müssen Protokoll über meine Beobachtungen führen, und wenn Sie sagen wollen, daß es eine langweilige Beschäftigung für Sie sein wird, so bedenken Sie doch, daß es der Wissenschaft von großem Nutzen sein wird, eine genaue, sozusagen autorisierte Darstellung der Vorgänge beim Tode eines Menschen zu erhalten. – Jean!« Er klingelte. »Bringen Sie eine Flasche Burgunder! Keine Widerrede, Abbé! Diese Flasche sollen Sie auf das Gelingen meines Planes trinken.«

Ich war über diesen unerwarteten Empfang so verdutzt, daß ich verlegen Platz nahm und in einiger Verwirrung entgegnete, daß ich gern drei Stunden in seiner Gesellschaft verweilen wolle, aber die feste Zuversicht habe, ihn dann gesunder denn je wieder verlassen zu können, da mir die gute Farbe seiner Wangen, sowie sein frisches Aussehen überhaupt –

»Keine Widerrede! Lieber Abbé, ich sterbe ganz gewiß und bin so fest davon überzeugt, daß ich eine Wette von zehntausend Franken darauf eingehen würde, wenn ich nicht über mein gesamtes Vermögen vor einer Stunde bereits endgültig Verfügung getroffen hätte. Meine Vaterstadt wird mir dankbar sein.« »Und Ihre Verwandten?« wagte ich zu bemerken, nicht ohne die Befürchtung, seinen Zorn zu erregen. »Pah!« rief er und sah mich pfiffig an. »Glauben Sie, lieber Abbé, es mache mir Vergnügen, nach meinem Tode von den Flüchen dieser lieben Leute verfolgt zu werden, wenn ich nicht der Meinung wäre, daß es ihnen eine Wohltat sein muß, durch eine energische Anregung ihrer Galle einer allgemeinen Säfteverderbnis entgegenzuwirken, die schon manchem unheilvoll geworden ist?«

In diesem Augenblicke brachte der Diener eine Flasche Burgunder, und ich bat Herrn de P. sehr, doch ein Glas mit mir zur Gesellschaft und zu seiner Stärkung zu trinken.

»Nein, nein!« rief er da. »Der Wein könnte in diesem Augenblick nur meine Sinne verderben und abstumpfen. Ich bin schon genötigt, aus Liebe zur Wissenschaft dieses Opfer zu bringen. Ich möchte Sie aber bitten, lieber Abbé, nehmen Sie Ihr Notizbuch, damit wir sofort die ersten Anzeichen des beginnenden Todes protokollarisch festhalten können und nichts uns entgeht. Also schreiben Sie bitte: Am 17. April 1900, abends neun Uhr. Ohne sich beschwert zu fühlen von dem Gedanken des nahen Todes, gibt Patient im voraus an, in drei Stunden etwa zu sterben. Der Patient fühlt sich im allgemeinen wohl und wünscht allen Sterbenden die gleiche schmerzlose Ruhe und Gelassenheit.«

»Aber mein lieber Freund,« unterbrach ich ihn hier, »ich war der Meinung, daß es sich hauptsächlich um psychologische Feststellungen handeln solle. Wenn Ihre Beobachtungen aber physiologischer Natur sein sollen, täten Sie doch besser, einen Mediziner zu Rate zu ziehen?«

»Um Gottes willen nicht, Abbé!« rief er nun voller Verzweiflung. »Kommen Sie mir nicht mit einem Arzt! Ich bin sicher, nicht einmal diese drei Stunden mehr zu leben, wenn er die Stube betritt! Der Anblick eines solchen Mannes würde mich nervös machen und mir dadurch alle Ruhe rauben, die zur Selbstbeobachtung unbedingt nötig ist.«