Zwei Anekdoten
Von Richard Schaukal
Verkehr
Die jungen Damen einer Provinzstadt, wo seit kurzem ein vornehmes Kavallerieregiment lag, gewöhnten sich während einiger vergnügter Jahre im Ballsaal, auf dem Eise, auf dem Tennisplatze so sehr an den Verkehr mit den aus Not gefälligen Prinzen und Grafen, daß sie sich ihrer Verwandten, zum Teil auch ihrer Eltern schämten, ja einander schließlich, nach einer subjektiv verschiedenen Skala, als mehr oder minder aristokratisch einschätzten und verachteten. Die sonst üblichen Bezirksrichter, Advokaturkonzipienten und Infanterieoffiziere wurden, soweit sie es nicht selbst vorzogen, die ihnen ungemütliche Geselligkeit zu meiden, mit ausgesuchter Unhöflichkeit behandelt und endlich mit Erfolg abgestoßen.
Als das lächelnd verwöhnte Regiment in eine andere Stadt verlegt und durch ein minder auserlesenes ersetzt worden war, galten die Mädchen, inzwischen etwas älter, den neuen Gästen bald als hochmütig. Die Offiziere suchten unter den inzwischen herangewachsenen jungen Damen einer (nach Meinung jener) minderen Schicht die ihnen gern gebotene Gemütlichkeit, und es gab allmählich eine ganze Reihe von Bräuten dieser so mit entschiedenem Gewinn sich verehelichenden Reiter, während die Zivilisten, die seither in Rang und Einkünften vorgerückt waren, so lange in trotziger Zurückhaltung blieben, bis ihrem unbefangenen Nachwuchs in aller Stille die verblühten »Aristokratinnen« eine um die andere, bürgerlich resigniert, zufielen.
Geselligkeit
Ein Konsul war auf der Rückreise nach Europa in Konstantinopel angelangt. Weil er sich da einige Tage aufzuhalten gedachte, gab er, der seine Pflichten kannte, bei den Mitgliedern der Vertretung seines Vaterlandes und ihren Damen seine Karten ab und ward denn auch alsbald vom Botschafter und seiner Gemahlin zum Speisen gebeten. Es war eine liebenswürdige Gesellschaft miteinander vertraulich verkehrender Paare versammelt. Man ging zu Tische. Dem fremden Gaste war der Platz neben der Hausfrau angewiesen. Als einer der letzten Gänge erschienen Artischocken. Die damit zuerst bediente Dame verzichtete auf die Speise. Der Gast als nächster nahm davon aus Höflichkeit, obwohl er nicht wußte, wie er die grünbraune Frucht zu behandeln hätte. Er wollte vorsichtig abwarten, was die andern damit anfangen würden. Aber einer nach dem andern, Herren wie Damen, lehnten sie ab, so daß er mit seinem Stück verlegen allein blieb. – Später hat er erfahren, daß das Manöver zwischen den Teilnehmern ihm zu Ehren vereinbart gewesen war.