Von Alexander Freiherr von Gleichen-Rußwurm

Die Grenze zwischen Vertraulichkeit und gesellschaftlicher Einfachheit ist schwer zu ziehen. Natürlichen Menschen gelingt ohne Anstrengung, was die Affektierten nie erreichen. Ich will damit nicht wachsender, uneleganter Intimität das Wort reden, wie sie leicht bei Leuten vorkommt, die sich erst jüngst gute Manieren anzugewöhnen suchten. In solchem Fall läßt sich die Situation aber immer mit einem Witz retten, wenn man schlagfertig und bei guter Laune ist. Eine Dame, die mit den Gebräuchen der großen Welt noch nicht ganz vertraut war, saß einmal bei einem Diner neben einem bekannten Diplomaten. Beim ersten Gang redete sie ihn mit »Herr Graf« an, beim zweiten mit »Graf X.«, beim dritten mit »lieber Graf« und erhielt die lächelnde Antwort: »Mein Vorname ist Hugo.«


Die beiden Junggesellen

Eine Anekdote aus Mitau

Von Herbert Eulenberg

Wenn man von Mitau auf der Landstraße nach Doblen zu wandert, trifft man plötzlich eine kurze Strecke vor der Stadt am Rande des Weges zwei Denkmäler: einen kleinen Obelisken und eine Trauerurne. Zwischen beiden, die ungefähr einhundert Meter auseinanderliegen, wächst ein Haufen von Birken. Groß und klein, ganz wild zusammengepflanzt. Ein Anblick, der vielleicht das Auge eines Forstmannes wegen der unregelmäßigen Anlage ärgern kann, aber den romantischer Gesinnten gerade wegen dieser Buntheit sonderbar anziehen mag. Vor allem, wenn er die höchst merkwürdige Geschichte dieser Birkenansammlung vernimmt:

Unter jenen beiden Denkmälern haben nämlich zwei Junggesellen ihre letzte Ruhestätte. Gerade einander gegenüber, so daß sie sich noch aus ihren Särgen anlächeln könnten, wie sie es soundso oft mal in ihrem Leben getan haben. Denn sie waren, solange sie atmeten, unzertrennlich verbunden und mochten darum auch die ganze lange Zeit, die ihnen nach ihrem Tode bevorstand, nicht weit voneinander liegen. Darum kauften sie sich schon bei Lebzeiten diese beiden Grabplätze vor den Toren der Stadt, zu denen sie häufig einträchtiglich nebeneinander hinauspilgerten. Sie hatten jeder einen Feldstein auf die Stelle gerückt, unter der sie begraben sein wollten. Auf diese Steine setzten sie sich oftmals gegen Abend, als sie noch müde werden konnten, und sprachen dann freundschaftlich zueinander hinüber: »Hier werde ich ruhen, Arthur, – Und dort, mir vis-à-vis, wirst du ruhen, Arthur.« Sie waren einander so völlig gleich geworden und harmonierten derart zusammen, daß sie sich sogar auf einen Namen für sie beide geeinigt hatten. Und natürlich mußte dies der Vorname ihres Lieblingsphilosophen Schopenhauer sein, den zufälliger-, oder darf man sagen, unglücklicherweise, einer von ihnen schon führte.

Auf solche Weise lebten sie, da sie sich beide ein hübsches Vermögen erarbeitet und erspart hatten, ohne Sorgen und voller Eintracht zusammen. Lasen Schopenhauer, schimpften über die Menschheit und spazierten an ihren schwarzen Ebenholzstöcken miteinander zu ihren künftigen Gräbern. So verging Jahr um Jahr über ihnen und Mitau. Da ereignete sich plötzlich in einem Frühling etwas ganz Ungeheuerliches, noch nie Dagewesenes in ihrem Leben. Es geschah nämlich, daß sich die beiden Junggesellen allen ihren bisherigen Grundsätzen zum Trotz sterblich verliebten. Der weibliche Gegenstand ihrer Zuneigung ist nie bekannt geworden. Einige Leute in Mitau – man wird gleich merken, was für Leute – behaupten, sie hätten sich beide in ihre alte Köchin und gleichzeitige Waschfrau verliebt. Andere hingegen, die etwas poetischer veranlagt sind, erzählen, sie wären beide für zwei hold erblühte Mädchenknospen, zwei Schwestern, erglüht, denen sie abwechselnd Blumen oder Verse dargebracht hätten. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine steht sicher fest, daß sie beide in ihrer Liebe unglücklich gewesen sind. Das oder die Opfer ihrer etwas verspäteten Frauensehnsucht blieb oder blieben hart gegen jede Werbung der beiden armen alten bekehrten Junggesellen. Eine Zeitlang verschlossen sie ihren Gram voreinander, wie sie sich auch geschämt hatten, gegenseitig ihre verliebte Schwäche zu bekennen. Aber eines Abends, als sie sich wieder einmal auf ihren künftigen Gräbern gegenüber saßen, rückten sie mit der Sprache heraus. »Ich war ein Esel, Arthur!« gestand der eine.