»Ich war auch ein Esel, Arthur,« echote der andere.

»Wir waren beide Esel,« stellten sie im Chorus fest.

Zur bleibenden Erinnerung aber an diese wohlverdiente Schmach, die ihnen, die zeitlebens Verächter des weiblichen Geschlechtes gewesen waren, noch kurz vor Todesschluß begegnet war, beschlossen sie eine Bestimmung in ihr gemeinsames Testament aufzunehmen. Ihr zufolge sollte jedem Liebespaar in Mitau, das sich am ersten Tage des Mai, als des Monats, in dem die meisten Menschen derartige blöde Eseleien zu begehen pflegen, verloben oder vermählen würde, eine gewisse Summe Geldes ausgezahlt werden. Zum Dank für diese Ehespende sollte dann ein jedes Paar auf dem Grund und Boden zwischen ihren beiden Gräbern eine Birke pflanzen. Ihnen und ihrer unglücklichen Liebe zum Gedächtnis.

Wenige Wochen darauf starben die beiden Junggesellen am nämlichen Tage oder doch ziemlich kurz hintereinander. Einige Leute – man kann sich denken, was für Leute – behaupten, sie seien an Galle und allzu reichlichem Essen eingegangen. Andere hingegen, die sich das Leben schöner auslegen, meinen, sie seien an gebrochenem Junggesellenherzen gestorben und hätten einander in einer Nacht verabredeterweise süßes Gift im Schaumwein zugetrunken. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine steht sicher fest, daß sie beide tot sind, und daß ihr Testament, wie sie es bestimmt haben, in Kraft getreten ist. Von einem jeden Paar, das sich in Mitau am ersten Mai verlobt oder vermählt hat, ist die Summe, die ihm damit gleichsam vom Himmel in den Schoß gefallen ist, stets dankbar eingestrichen worden. Und ein jedes Paar hat dann zum Lohn den unbekannten Spendern, die wie Hymen, der Ehegott, über ihnen walteten, eine Birke gepflanzt. Woher denn die verschiedene Höhe und Größe der Bäume, die sich zwischen den beiden Gräbern erheben, zu erklären ist. Die beiden alten Junggesellen aber liegen auf ihren Rücken in wohlverdienter Ruhe unter der Erde und den ihnen zu Ehren wachsenden weißen Birken einander gegenüber. Einige Leute – man ist selbst im Tode nicht vor ihnen sicher – behaupten, daß die beiden alten Herren dort unten fortwährend einander hämisch angrinsten über die törichten Leute, die sich über ihnen am ersten Tage ihres Ehebundes wunders wie verliebt anstellten und, womöglich mit veranlaßt durch ihre Mitgift, mit der Anpflanzung einer neuen Birke den Grundstein zu ihrem mehr oder minder lebenslänglichen Unglück legten. Andre hingegen, die immer nur das Beste an der Welt sehen, meinen, daß die beiden guten greisen Junggesellen dort unten einander ewig zulächelten voll Seligkeit darüber, daß sie durch ihre Spende auch im Tode noch ihr Scherflein beitragen könnten zu dem süßesten Traum der Menschen, dem Liebes- und Ehetraum.

Es bleibt dem Leser anheimgestellt, sich seiner Gemütsart und seiner Erfahrung folgend für eine dieser beiden Ansichten zu entscheiden.


Anekdote

Von Rudolf G. Binding