Es ging auch alles ganz ausgezeichnet. Der Oberpräsident kam, die Vorstellung in der Halle wurde rasch erledigt, die zweite Vorstellung im Aktsaal glückte vorzüglich, der Oberpräsident sah sich mit gedankenlosen Augen alles an, bestätigte, daß hier und da ein Übelstand sei, der abgestellt werden müsse, nickte zustimmend zu den Erklärungen des Akademiedirektors, fragte gedankenlos noch dies und das, wie hohe Herren das so tun, und sprach in der zweiten halben Stunde seines Besuchs schon längst von Dingen, die mit dem Zweck seines Kommens nichts zu tun hatten, von Hasenjagd und Wintersport und anderen schönen Sachen. Der Akademiedirektor strahlte.

Und so nach einer Stunde verabschiedete sich dann der Oberpräsident, sprach seinen Dank für die freundliche Führung aus, murmelte etwas von langgehegter persönlicher Wertschätzung, und der schlaue Akademiedirektor führte den Oberpräsidenten die Treppe hinunter.

Auf der Treppe blieb der Oberpräsident stehen, dachte nach, und ihm schien etwas einzufallen. »Und im übrigen muß ich Ihr Prinzip loben,« sagte der hohe Herr freundlich. »Ich muß an die Zeit denken, als ich noch junger Landrat war. Wenn ich da mal haben wollte, daß ein Wald größer aussah, als er war, so ließ ich die Herren immer im Kreise herumfahren.«


Zwei Anekdoten

Von Karl Scheffler

Kunsterziehung

Ein Museumsdirektor, der nicht nur moderne Kunstwerke des In- und Auslandes mit leidenschaftlichem Eifer kauft, sondern der auch den Ergeiz hat, die Bürger seiner Stadt zum Kunstverständnis und zu einer neuen Kulturgesinnung zu erziehen, erzählte mir vieles von der Art seiner Propaganda, von seinen Vereinen, Ausstellungen, Vorträgen und Organisationen. Um die Wirkung seiner Kulturarbeit zu beweisen, führte er freudig das folgende Geschehnis an.

Zu ihm sei eines Sonntagmorgens ein Mann ins Museum gekommen. Ein einfacher Mann aus dem Volke, Werkführer oder dergleichen und Mitglied eines der Kunstbildungsvereine. Er hätte sich vor den Direktor bescheiden, aber sicher hingestellt und gesagt, er habe sich soeben eine neue Krawatte gekauft, und er fühle die Verpflichtung, Rechenschaft abzulegen, nach welchen Gesichtspunkten er sie gekauft habe. Ad 1, nach welchen ästhetischen, ad 2, nach welchen ethischen und ad 3, nach welchen allgemein-kulturellen Gesichtspunkten. Ad 1 sei zu bemerken, daß eine Krawatte zur Farbe des Anzuges und des Gesichtes sowohl harmonieren wie kontrastieren müsse. Form und Farbe dürften nicht auffallend sein, doch müsse die Krawatte immerhin ein freudiger Farbenfleck sein im grauen Einerlei der männlichen Kleidung. Auf keinen Fall dürfte das Muster naturalistisch sein. Und selbstverständlich sei ein Selbstbinder gewählt worden. Dem kultivierten Manne gezieme es, die Krawatte selbst, individuell, zu knüpfen. Ad 2 sei zu sagen, daß der Käufer Rücksicht auf seine Mittel und seinen sozialen Stand hätte nehmen müssen. Seine Gesichtspunkte seien gewesen: gut, solide, geschmackvoll, aber einfach. So ein Kauf sei doch eine ernste Sache. Die Krawatte charakterisiere den ganzen Menschen, man erkenne den inneren Wert seiner Mitbürger daran. Zu Punkt 3, fuhr der Museumsdirektor fort, von seinem Thema hingerissen, habe der Mann mit der neuen Krawatte gesagt … Aber ich weiß nicht mehr, was es war; denn jetzt hörte ich nur noch jenes peinliche Geräusch, das entsteht, wenn man oftmals hintereinander das Wort »Kultur, Kultur, Kultur« ausspricht.