Spanisch
Ein Versdramatiker, dem keine deutsche Bühne ein Stück aufführen wollte, kam auf folgende ingeniöse Idee, um durchzudringen. Als ein neues Lustspiel gedichtet war, gab er es als Buch heraus, verschwieg seine Autorschaft und vermerkte statt dessen auf dem Titelblatt, das Stück sei eine Übersetzung aus dem Spanischen. In dieser Form reichte er es einer Bühne ein, die auf die deutsche Theaterkultur bedeutenden Einfluß hat. An dieser Bühne nun wirkte, mit heiteren Cäsarengebärden, ein Dramaturg. Er las das Stück und bildete sich sein Urteil. – Einst besuchte ihn ein anderer Dramatiker, um Geschäfte zu besprechen. Als der Besucher Abschied nehmen wollte, ergriff der Dramaturg ihn am Rockknopf und sagte eindringlich: »Ihr Kollege N. hat uns da ein Stück eingereicht, das aus dem Spanischen herkommt. Wir möchten es gern aufführen. Ich sage Ihnen, es ist fabelhaft! Aber miserabel übersetzt. Sehen Sie, lieber Doktor, das sollten Sie uns übersetzen!«
In der Frühlingsnacht
Von Hans Bethge
In einer wundervollen Frühlingsnacht schritt ein junger Dichter leichtbeschwingt durch die Villengegend der Stadt. Er kam an vielen duftenden Vorgärten vorüber und dann an einem, in dem der Flieder an großen Büschen besonders üppig blühte und duftete, und jetzt sah er, wie ein junges Mädchen in Weiß aus ihrem erleuchteten Zimmer auf den Balkon der Villa, die in dem Garten lag, hinaustrat.
Der Dichter blieb stehen und sah entzückt hinauf: ein reizendes, überraschendes Bild, dieses einsame, weißgekleidete, junge Ding, das sich da oben bei Nacht auf dem von einem feinen Gitter umgebenen Balkon gegen das rötliche Lampenlicht des Zimmers malerisch abhob. Fast unbewegt stand sie da, das Herz des Dichters klopfte laut, und er glaubte die Sehnsucht jener jungen Brust zu empfinden, die unruhige Sehnsucht, die es in dem engen Zimmer nicht mehr ertrug und nun ihre Zuflucht zu den Sternen und Düften der holdbewegten Mainacht nahm.
In Wirklichkeit war jenes junge Mädchen nicht schön, sondern häßlich von Angesicht, und ach, sie war nur deshalb auf den Balkon getreten, weil sie zuviel von einer schweren Speise genossen hatte, die ihr nun Übelkeit und Magenschmerzen verursachte; sie hoffte, daß ihr in der frischen Luft der Nacht besser werden würde.