Wenn aber zufällig irgendwo einmal die fraglichen 170 Exemplare auftauchen und nicht sogleich von einem Sammler en bloc aufgekauft und vernichtet oder doch totgeschwiegen werden, dann ist das berühmte Büchlein wertlos und wird höchstens noch zuweilen, neben andern lächerlichen Anekdoten, in der Geschichte der Bücherliebhaberei flüchtig und mit Ironie erwähnt werden.


Heinrich Frauenlob stirbt

Von Wilhelm Schmidtbonn

Heinrich Frauenlob lag in seiner rosagetünchten Kammer und starb. Sein weißes Haar und sein weißer Bart hingen, zu einem Urwald verwachsen, von seinem Bett bis zur Erde herunter. Das blauseidene Kissen, das den letzten Frost der Glieder zudeckte, und das in den Jahren der Jugend eine schöne Dame von ihrem Bett genommen und dem Dichter zugesandt hatte, war längst schwachfarbig geworden und hing zerfetzt. Auch sonst gab es im Zimmer nichts mehr als Spinnen an den Wänden und einen Stuhl, der Tisch zugleich war. Die Laute lag mit abgerissenen Saiten an der Erde. Zwei Vögel hatten sich ein Nest da hineingetragen und flogen durch einen Mauerriß ab und zu. Jedesmal, wenn ein Flügel an das Holz stieß, gab es einen Ton, der hoch und tief zugleich an den leeren Wänden nachhallte. Dann hob der Sterbende jedesmal den Kopf und horchte, und das weiße, klein gewordene Gesicht färbte sich noch einmal mit einem mädchenhaft zarten Rot.

Heinrich dankte dem Mann, der ihm die letzten Tage das Bett gerichtet und zu trinken gereicht hatte, durch die hingehaltene Hand und schickte ihn aus dem Zimmer. Dann lag er, hielt die blaue Seide fest in den Fingern, horchte nicht länger auf das Tönen der Laute, wartete nur noch. Mit vorgestürzt glühenden Augen. Nachdem er sein ganzes Dasein die Anmut der Frauen gesungen und viel Liebe als Gegengeschenk dafür erhalten hatte, konnte er nicht sterben in dieser Kargheit. Noch eine letzte Schönheit, ehe die schwarze Ungewißheit kam! Wie immer, wenn eine Sehnsucht in ihm sich durch einen Schmerz durchbrannte, begannen in ihm Farben, Töne, Rhythmen gegeneinander zu kochen wie zusammengetriebener Nebel. Bilder rissen sich los, Worte brachen wie Blitze heraus, bis endlich die Ruhe der leuchtenden Reime über die Qual trat. Dieses sein letztes Lied galt der schönsten Frau der Stadt, die jeden Morgen, eine Magd hinter sich, mit niedergeschlagenen Augen ihr rostrotes Haar durch die Reihen der Giebelhäuser und die verwunderte Andacht der Menschen trug. Einmal das rostrote Haar mit der Hand streifen dürfen! Aber der Tod ist da und Armut und Vergessensein. Darum, Herzschlag, bescheide dich.

Um dieselbe Stunde saß die Frau mit dem rostroten Haar, das sie in einem dicken Kranz um den Kopf gelegt hatte, während in der Mitte des Kranzes der helle Scheitel wie ein liebliches Tal im Gebirge glänzte, mit ihren Freundinnen zu Hause und trat das Spinnrad. Da geschah das Seltsame. Mitten in heiterer Erzählung blieben ihr Augen und Mund stehen. Den Kopf ein wenig geneigt gehalten, horchte sie in sich hinein, und plötzlich, von der Fernkraft einer verlangenden Stimme gerufen, erhob sie sich, gab auf keine Frage Antwort, warf ein lilafarbenes Tuch um die Schultern, füllte einen großen Korb schnell mit roten, gelben, blauen, weißen, schwarzen Violen, Tulpen, Rosen aus dem Garten, und eilte, den Korb mit beiden Händen vor ihrem Leib hertragend, die Treppe hinunter. Mit bittender Gebärde hielt sie die Freundinnen ab, ihr zu folgen, und lief mit ihren Blumen, den farbigen Widerschein davon auf dem Gesicht, nicht anders als ein Märchen durch die Straßen. Ohne vor der fremden Tür, vor der sie niemals gestanden, zu zögern, trat sie ein und sah, ohne Verwunderung, aber in einer sogleich ausströmenden Liebe, zu dem Sterbenden hin. Sie erinnerte sich wie in einem Traum daran, ihn einmal auf der Straße gesehen zu haben: da stand er, sah sie an und taumelte unter dem Anstoß der mit Traglasten vorüberschreitenden Menschen. Sie stellte ihren Korb hin, trat behutsam an das Bett, wischte dem Aufstarrenden mit den Spitzen der Finger den Schweiß von der weißen Wölbung der Stirn, hielt ihm das Glas zum Trinken an den Mund. Er aber drehte den Kopf ein wenig, um abzuwehren. Sie stellte das Glas wieder hin und fing an, ihre Blumen im Zimmer auszuschütten, über die Erde, über den Stuhl, über die Seide des Bettes, über Hände und Haar des Dichters. Dann, immer in heiterer Ruhe, immer einem geheimen Befehl gehorchend, legte sie ihr Tuch und Kleid ab, hängte alles sorgsam über den Bettrand, löste ihr Haar, schüttelte den Kopf, daß das Haar um ihre Schultern und Knie fiel, flocht Blumen hinein. Und während sie in seliger Unbekümmertheit nackt und flechtend dastand, begann sie zu singen. Die zwei Vögel flatterten aus ihrer Laute auf die Fensterbank auf die Schultern der Frau, saßen da, die Köpfe zum Mund der Frau hingedreht, flogen hin und wieder auf und schwirrten um die Töne, die aus dem Mund kamen, im Spiel herum. Die Augen des Dichters weiteten sich, bis das ganze Gesicht ein Auge schien, das dann in seinem eigenen Licht verbrannte und zusammenbrach.

Sowie das Feuer der Augen erloschen war, schreckte die Frau plötzlich aus ihrer Verzauberung auf. Sie sah sich im Zimmer um, sah an sich hinunter. Sie starrte in die Augen des Toten, geriet in Furcht vor dem leeren Blick daraus, warf mit beiden Händen Blumen darüber, warf ihre Kleider über sich und floh.