Als die Frau fort war und das Zimmer wieder still lag, setzten sich die Vögel in das wirre Haar des Dichters, mitten zwischen die Blumen, und sangen, als ob sie nun erst das Singen gelernt hätten, und riefen hundert andere Vögel durchs offene Fenster herein, die mit ihrem Gesang wieder das Volk der Straße anlockten. Kopf über Kopf standen die Menschen in der Tür und sahen verwundert, von einer Demut angerührt, nach dem Toten hin, den sie, als er noch lebendig über die Straßen ging, vor jungen Rittern und Rossen übersehen hatten.


Der Brief des Dichters und das Rezept des Landammanns

Von Wilhelm Schäfer

Als Klopstock, der Messiasdichter, vor der Pietisterei seiner Zürcher Freunde einmal ins Gebirge geflohen war und vom Klöntal her den Pragelpaß herunter kam, überraschte er an der Muotabrücke einen Knaben aus Schwyz in einem seltsamen Mißgeschick. Der hatte baden wollen in der schattigen Schlucht und nicht an das Windgebläse gedacht, wie es an heißen Sommertagen vom Stoos herunter einfallen kann. Nun waren ihm die leichten Kleider bis auf die Schuhe durch eine Sturmluft in den Fluß geworfen worden, sodaß er nackt auf der Muotabrücke kniete und durch einen Spalt hinunter spähte. Der Dichter war von dem schlanken Körper und der schönen Stellung entzückt, als ob ihm in der grünen Wildnis ein Götterkind begegnet wäre; er rief den Knaben, der sich vor seinem Schritt noch flüchten wollte, mit scherzhaften Worten an und half seiner Blöße aus mit seinem Rock, sodaß sie halb und halb bekleidet als Wandergefährten nach Schwyz hinunter kamen, wo der Dichter in den »Drei Eidgenossen« eine saubere Herberge fand, indessen der Knabe, mit seinem Rock über den nackten Körper angetan, heim ging zu seinen Eltern, die gegen Rickenbach hinauf in einem Landhaus wohnten und wohlhabende Doktorsleute waren.

Der Dichter saß gerade, von dem Staub der langen Wanderung gesäubert, hemdärmelig in dem getäfelten Saal, die Abendmahlzeit abzuwarten, als mit dem Knaben – der seinen Rock sorglich gefältet trug – eine Frau herein trat, wie der Knabe von schlankem Bau, nur höher in den Schenkeln und rotblond. Auch zeigte sie ganz dessen freie Art, gab ihm mit herzlichem Dank die Hand und lud ihn ein, das Nachtmahl in ihrem Garten einzunehmen, wenn er nicht anderswo verpflichtet sei. Obwohl der Sohn im dreizehnten Jahre stand, war sie noch jung und schien dem Dichter von einer freieren Anmut, als er sie sonst bei Frauen kannte. Er nahm die Einladung mit Freuden an und ging sogleich mit ihnen durch den wohlgebauten Ort und über grüne Matten zu dem Haus hinauf, das mit zwei Gartenhäuschen auf der Mauer gleich einem Landschlößchen dalag, sonst aber den breiten Giebel der Schwyzer Bürgerhäuser zeigte. Er hatte seinen Namen Klopstock dreimal sagen müssen, bevor sie ihn verstand; auch dann war er nichts anderes für sie, als daß der sonderbare Klang sie lächeln machte. So sah der Dichter sich der Rolle entkleidet, die er in Zürich spielen mußte, und obgleich es seiner Eitelkeit unlieb war, gerade hier nicht mit der Geltung seines Namens eingeführt zu sein, gab er sich fröhlich der Begegnung hin.

Der Doktor war unterdessen ausgefahren, und als er mit flinken Rossen von Steinen herauf kam, paßte der kleine schwarze Mann mit der klugen Geschäftigkeit kaum zu der hohen Frau und ihrem Knaben; doch war er gleich freundlich gegen den Gast, so daß es unter dem breiten Ahornbaum im Garten ein fröhliches Mahl gab, bei dem der Dichter sich immer mehr für die rötlichblonde Doktorsfrau entzündete. Auch sie schien Wohlgefallen an dem Fremdling zu finden, der so schwärmerisch von ihrer Landschaft, vom Menschengeist, von Freundschaft und von der Seele zu sprechen wußte, obwohl sie sich mit der Verschiedenheit ihrer Sprache nicht immer gleich verständigten. Als der Dichter durch einen Abend mit fernen Blitzen in seine Kammer zu den »Drei Eidgenossen« kam, hing er noch lange im Fenster und sah dem Geleucht der fernen Wetter wie dem Geflacker seiner erregten Jünglingsseele zu, bis er seinen Rock dankbar küßte und sich endlich in einen kurzen Schlaf fand.

Sie hatten für den andern Tag eine Besteigung des Großen Mythen ausgemacht, ohne den Doktor, jedoch von einem Knecht der Doktorsleute begleitet, der schon mehrmals oben gewesen war und die Felswege kannte. Der holte ihn noch halb im Dunkeln zur Morgenmahlzeit ab, worauf sie, mit Proviant reichlich gerüstet, ihre Bergfahrt antraten – gerade als in der Ferne die weißen Zacken vom Urirotstock in der ersten Sonne glühten, während das Tal, von den Felswänden der beiden Mythen breit überschattet, noch in tauiger Dämmerung lag. Auch kamen sie nach mancherlei Mühsalen gut hinauf bis auf den letzten Grat: als sich die dunstige Morgenhitze unvermutet zu einem Gewitter sammelte, das blauschwarz hinter den grell beleuchteten Felszacken stand und Wolkenfetzen wie Sturmvögel über ihre Köpfe jagte.