Sie versuchten noch, ein Felsloch zu erreichen, das mit Stangen und Steinen bedeckt seit Alters her eine notdürftige Zuflucht bot, schon aber brach ein Donner los, der den Berg zu zersplittern und die losgerissenen Blöcke krachend in die Tiefen zu schmettern schien. Noch war jedoch kein Tropfen gefallen, und während der Knecht mit dem Knaben in dem dunklen Loch aufräumte, blieb die Frau tiefatmend davor stehen und sah in das drohende Wetter hinein. Sie hatte bei der raschen Flucht ihren Hut abgenommen, und der Sturm jagte ihr rotblondes Haar, das in dem grellen Licht feurig leuchtete; senkrecht über ihr aber stand und schien aus ihrem Kopf gewachsen ein altes Steinkreuz vom nahen Gipfel, das von Menschenhänden mit eisernen Stangen in der Spitze des Gesteins verklammert war. Wie der Dichter das sah, in dem donnernden Aufruhr – darin die schwarzgeballten Lüfte mit den grell umflackerten Felsen eine Schlacht der Apokalypse kämpften – die lächelnde Frau und das ragende Kreuz unbewegt, riß ihn das Sinnbild zu Gedanken und Worten menschlicher Vollmacht hin, wie sie ihm nie in eine Ode geflossen waren; als ob dies alles, der Vernichtungskampf der Natur, die Frau und das Kreuz lächelnd und leidend darin, nur ein Schauspiel seiner entzückten Seele wäre.
Aber Sturm und Donner rafften die Worte wie fallende Blätter hin; was stark wie Posaunen in ihm klang, wurde leer, wenn sein Mund es in die Welt zurück gab; und was sein eigenes Ohr davon vernahm, war kaum ein Vogelschrei. So grausam überkam ihn da die Ohnmacht des Menschengeistes vor der Natur, daß er aus seinem Hochmut niederbrach auf den Stein und sich mit ausgestreckten Händen anklammerte. Und als er seinem Gefühl mit den strömenden Tränen in Ausbruch solchen Schmerzes doch noch etwas Großes retten wollte, prasselten nach den ersten Tropfen die Wasserstürze nieder und spotteten auch der Winzigkeit seiner salzigen Tränen, sodaß er wie ein gestürzter Vogel daliegen blieb und sich vom Wasser des Himmels durchtränken ließ.
Als der Dichter, dem das begegnet war, wieder zu sich kam aus den Untiefen seiner Ohnmacht, waren Donner und Sturm mit zackigen Blitzen schon weit hinunter ins Land gen Einsiedeln gefahren, und nur noch der Regen strömte sein rieselndes Geräusch. Irgendwer hatte ihn an der Schulter gefaßt, als er aufsah, stand die Frau tiefgebeugt zu ihm und sah mit ihren Augen erschrocken in die seinen. Da griff er die Hand mit beiden Händen und legte Augen und Mund hinein und küßte sie, wie sonst ein Heiligtum geküßt wird. Und sie, die außer dem Bereich seiner Seele eine Doktorsfrau zu Schwyz war und ihren Knaben mit dem Knecht starr auf dies Schauspiel blicken sah, zog ihm die Hand nicht fort und stand ihm bei mit ihrer Menschennähe, bis er sie selber ließ und tief aufstöhnend auch das Gewitter seiner Seele in träufelnden Tränen zur Ruhe brachte.
Sie standen nachher noch auf dem Gipfel bei dem ragenden Steinkreuz, sahen tiefeingebettete Seegewässer und Berggipfel wie einen Sturzacker liegen: in die Seele des Dichters drang nichts mehr ein, die hatte ihre Gehäuse geschlossen, und was dann mit den andern stundenlang auf schlüpfrig gewordenen Felsspuren hinunter stieg, war ein demütiges Menschentier, das in nassen Kleidern fröstelte wie sie. Nur als sie, immer noch stumm von dem Ereignis, sich unten trennten und der Dichter in einem wehen Gefühl, daß sie ihn mißverstehen könnte, zum Abschied noch einmal ihre Hand bekam und sie fragte, ob er ihr davon schreiben dürfte, was ihm da oben begegnet wäre: sah er sie rot und danach blaß werden und dann mit Hinterhalt lächeln, wie nur eine Frau über einen geheimen Einfall lächeln kann: das dürfe er, nur müsse sie ihm dann auch das Rezept von ihrem Vater, dem Landammann, sagen.
So kam es, daß der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock in den »Drei Eidgenossen« zu Schwyz einen Brief schrieb, in dem er tiefer an die hilflose Not des Menschenschicksals zu rühren glaubte als in allem, was er früher gedichtet hatte: wie es stets ein Spielball der Elemente sei, außen und innen. Er schrieb einen Abend lang und bei der Kerze noch die halbe Nacht daran; er traute der tönenden Macht erhabener Worte kaum noch und stammelte mehr, als daß er sprach. Als aber die Kerze schon auf Fingerlänge herunter gebrannt war, als immer stärker durch das offene Fenster das mahnende Geräusch ferner Bäche scholl, legte er die Feder weg, weil ihn die Merkwürdigkeit überkam, dies alles gerade der Doktorsfrau in Schwyz zu schreiben. Sogleich wußte er aber auch, warum; und einmal soweit entfesselt, hielt seine Seele nichts mehr zurück, sodaß seine Niederschrift in das Geständnis einer Liebe auslief, deren Leidenschaft in dieser Nachtstunde keine Grenzen kannte.
Er siegelte den Brief, der viele Bogen füllte, noch in der Nacht, schlief danach einen tiefen Schlaf, und schickte ihn durch einen Burschen zu ihr hinauf. Als er das versiegelte Bündel Papier zum letztenmal in der Hand hielt, fühlte er, daß etwas Schweres damit geschah; doch war er gewöhnt, tapfer zu seinen Dingen zu stehen und nichts zu verbergen, was einmal soviel Gewalt über ihn gewonnen hatte, weil ihm in der Offenheit rauschender Stunden mehr reine Menschlichkeit zu leben schien, als in der Täglichkeit vorsichtiger Überlegung. Er wußte genau, daß es nur einen Ausweg gab nach diesem Brief, wenn sie ihm nicht das Haus verweisen sollte; so wartete er am Morgen und am Mittag den selbstgewählten Gerichtshof ab und dämpfte seinen Trotz erst, als auch der Nachmittag verging, ohne daß eine Nachricht kam.
Umsomehr war er überrascht, als gegen fünf der Knabe heiter wie sonst erschien: Sie sollten mit meiner Mutter noch einen Gang ins Muotatal zur Brücke machen. Auch die Frau, die draußen wartete, war kaum anders als sonst, gab ihm die Hand und fragte, wie ihm die Bergfahrt und die nassen Kleider bekommen wären? Er sah sie unbekümmert lächeln mit allen Zähnen und wußte nicht, ob es Verstellung oder Spott war, und beides verdunkelte ihm ihr Bild, so daß er erst im Gehen Worte fand, ihr für die Einladung zu danken. Sie wehrte den verborgenen Sinn von diesem Dank mit einem Scherzwort ab und blieb auch übermütig, so oft er mit einer Frage an seine Dinge rühren wollte. Dabei kam sie ihm schöner und anmutiger vor als je, wie sie dahin schritt in den Nachmittag, der durch die Entladung der Luft klar und starkfarbig geworden war. Sie gingen durch den Wald von Iberg hinüber, und das moosige Kalkgestein mit seltsamen Höhlen unter Tannenbäumen gab dem Knaben Gelegenheit zu übermütigen Kletterkünsten. Dem Dichter, der sich immer trauriger als Fremder bei ihnen fühlte, und der die Frau – die ihm gestern auf dem Berg und in dem Aufruhr der Nacht so nahe gewesen war – in der Wirklichkeit dieser Wanderung sich hoffnungsloser entfernen sah, als es durch irgendeinen Abschied möglich gewesen wäre, wurde schwer und trotzig zumut.
Als sie denn endlich durch die steile Schlucht hinab ins Muotatal und an die Holzbrücke gekommen waren, wo er den Knaben nackt und knieend gefunden hatte – der nun gleich abwärts in die Felsen kletterte und nach dem rauschenden Spalt hinunterspähte, ob er von seinen Kleidern nicht irgend etwas angeschwemmt fände – so daß sie beide allein unter dem alten Schindeldach der Brücke im Schatten standen und sich von dem sonnigen Gang erholten, vermochte er die Traurigkeit und den Grimm nicht länger zu bemeistern: Ob sie seinen Brief erhalten habe?
Erhalten wohl, sagte sie und schwieg still, als sie vor seinen Augen noch lächeln wollte; doch wurde dasselbe Gesicht voll weiblichem Hinterhalt daraus, das sie ihm gestern beim Abschied gelassen hatte, nur daß in die Schelmerei der Ernst gefallen war: Da er nun einmal geschrieben habe, sei sie ihm das Rezept von ihrem Vater schuldig geworden, dessen Urteil als Landammann von Schwyz im Land wie ein Gesetz gegolten habe. Da ihre Mutter früh gestorben und sie als einziges Kind geblieben wäre, hätte sie anders als sonst wohl eine Tochter zu ihrem Vater gestanden. So habe er ihr schon als Mädchen abverlangt, stets alles in einem Brief zu schreiben, was sie ihm nicht ohne Überwindung sagen könne; er wolle ihr daraus nie etwas vorhalten, so böse und unrecht es auch sei, damit sich nicht aus Resten der Verstimmung in ihrem Herzen allmählich Mißtrauen gegen ihn sammele.