Sie habe das Rezept durch ihre Mädchen- und Jungfrauenjahre treu befolgt, anfänglich oft, dann seltener; sie sei wohl ungerecht und hitzig, doch immer aufrichtig dabei gewesen, da sie gesehen habe, mit welcher Milde der Vater alle Launen, Klagen und Vorwürfe aufnahm. Bis ihr der Hochzeitstag diese Milde zwar auf eine resolute Art, jedoch die Weisheit des Rezeptes um so unerwarteter offenbart habe. Unter allen Geschenken dieses Tages sei nämlich eins gewesen, das ihr der Vater selber in die Hand gegeben habe: ein Kästchen aus poliertem Birnenholz mit ihrem Namenszug in eingelegter Perlmutterarbeit und einem vergoldeten Schlüsselchen; darin hätten all ihre Briefe in der Reihenfolge gelegen, wie sie geschrieben waren, keiner fehlend, und alle ungeöffnet; da, wie auf einem Zettel von ihres Vaters Hand dabei geschrieben stand, es bei solchem Unkraut wohl wichtig sei, daß es aus dem eigenen Herzen heraus käme, nicht aber, daß es seinen Samen in andere Herzen würfe!
Als so die blonde Doktorsfrau aus Schwyz dem Dichter das Rezept von ihrem Vater, dem Landammann, gegeben hatte, holte sie auch seinen Brief heraus, der ein ziemliches Päckchen war: sie habe ihm kein Kästchen aus Birnenholz machen können, wohl aber eine Tasche aus Zürcher Seide, wenn ihm ein Andenken an sie nachdem nicht unlieb wäre.
Da riß der Dichter, der in seiner Enttäuschung die Weisheit des Landammanns nicht schmackhaft finden konnte und sich in einem Spiel gespiegelt sah, wo er im Feuer gebrannt hatte, den Brief aus seiner bunten Hülle und wollte ihn durch die blaugrünen Spalten unter ihren Füßen in die tiefe Muota hinunter werfen. Weil aber das Päckchen mit dem unerbrochenen Siegel zu dick war und sich zwängte, mußte er ihm knieend nachhelfen, so daß der Knabe, zufällig von seiner Kletterei in den Schattengang der Brücke tretend, ihn in der gleichen Stellung überraschte, in der er selber vor zwei Tagen gewesen war. Nur, daß der Dichter nicht aufsprang bei seinen Schritten, sondern tief auf die Spalten gebeugt, zornige Tränen tropfen ließ.
Doch nahm auch diesmal die Natur mit einem Zufall scherzend den Dichter in die Lehre; denn als der Knabe, die Bewegung mißverstehend, durch die Spalten sah, entdeckte er den Brief tief unten, der im Wind statt ins Wasser auf einen rund gewaschenen Felsblock gefallen und mit seinem roten Siegel als eine merkwürdige Sternblume in der Tiefe aufgeblüht war. Heraufholen konnte ihn von da niemand mehr; und als der Knabe erst wußte, daß er ins Wasser sollte, war es ein rasch ergriffenes Spiel für ihn, mit Stöcken und Steinen dem störrischen Papier den letzten Ruck zur Wasserfahrt zu geben. Es war ein grausameres Spiel, als seine Jugend ahnen konnte, aber der Dichter sprang ihm bei; er war es auch, der dem Brief schließlich mit einem Knüppel in den Strudel half, gerade als ein Landmann mit einer Kiepe aus der Brücke kam und sich an ihrem närrischen Tun verwunderte.
Die Frau hatte unterdessen weitab gestanden, wie wenn sie als die Einzige die Grausamkeit von dieser Handlung empfände; nun ging sie wortlos von den beiden den Talweg fort. Der Dichter sah ihr nach, wie sie den Nacken beugte und Schritt für Schritt die schlanken Beine schwer los zu ziehen schien; dann küßte er den Knaben, wie er die Frau nicht küssen konnte, und entließ ihn mit einem letzten Gruß an sie. Denn sie danach zu sehen, vermochte er nicht mehr: sie ging aus dieser Felsschlucht in das sonnige Tal von Schwyz, wo sie im bürgerlichen Kreis ihrer Leute beheimatet war; indessen er mit seiner Seele, durch kein Rezept geschützt, allen Naturgewalten ausgeliefert blieb.
Der Brief mit seinem Siegel war längst in hundert Strudeln geweicht und aufgerissen, die Dunkelheit fiel schon in das letzte warme Licht, als er noch immer dasaß und seine Traurigkeit in der blaugrünen Tiefe suchen ließ. Er sah den Grund der Vergessenheit, auf dem doch einmal alles endigte, was Großes und Erhabenes gelebt und gedichtet wurde. Der Weg für seinen Brief war kürzer und resolut gewesen.
Und da erst war der Dichter weit genug, aus dem Rezept des Landammanns für sich doch eine Weisheit heraus zu finden: So oder so, wenn alles, was er schrieb, in den Birnenholzkasten wandern oder mit dem Strom der Zeit abtreiben mußte, seiner Seele blieb doch ihr ungeschmälertes Teil, daß sie in Rausch und Glück und Qualen die Elemente sich untertänig machen konnte. Wie ein Brennglas die Strahlen in sich band, so zwang sein Geist in Klang und Ordnung, was für die Sinne Schrecken und Sinnlosigkeit gewesen war. Sein Dichterwort war das Siegel, das der Menschengeist der Welt aufdrücken konnte zum Zeichen einer Herrschaft, die den Naturgewalten trotz Sturm und Donner unnahbar war.
Als in der Nacht aus den »Drei Eidgenossen« zu Schwyz der Fremdling einsam abwanderte, der in Hemdärmeln mit dem Sohn der Doktorsfrau so landsmännisch zu ihm gekommen war, da schüttelte der Wirt den Kopf, um wieviel merkwürdiger doch solche Gäste wären als alles, was in Schwyz und sonst redlich sein Tagwerk täte.