Als unser Gespräch wieder ruhig und halblaut dahinfloß, und mein nicht mehr gebannter Blick rings über die Möbel, die alten Zierstücke, Kränze und Becher, die goldgerahmten Aquarelle ritterlicher Szenen, dieses stille Zeitinnere aus den vierziger und fünfziger Jahren hinglitt, hatte ich plötzlich das bestimmte Gefühl, als sei ich eben für eine einzige Sekunde Hebbel begegnet. Das Erinnerungsbild Hebbels in der Seele des alten Künstlers, das im Zimmer neben mir gestanden hatte, hatte sich mir blitzschnell mit Abbildungen, die ich kannte, und mit der Gedankengestalt des Mannes verbunden und war nun so stark geworden, daß ich es jetzt, wo es aus dem Zimmer geschwunden war, nicht anders vor mir sah, als wie einen eben hinausgegangenen wirklichen Menschen.


Gottfried Keller und der freche Student

Von Karl Henckell

Gottfried Keller, berühmter Dichter und Alt-Staatsschreiber von Zürich, saß wie allabendlich gewohnt im geräumigen »Pfauen«, nahe seinem schwesterlich betreuten Junggesellenheim am Hottinger Zeltweg, und trank mit beschaulichem Behagen ganz langsam sein wohlverdientes Schöppli Roten, unauffällig angesehen, als ein echt bürgerlich schweizerischer Hafis und Homeros inmitten seiner frohmütig-grillig gemischten Seldwyler. Sein großes Sinnier- und Fabulierhaupt mit der stark ausladenden Stirn nur wenig vorgeneigt, in der linken Hand die brennende Zigarre, die rechte leicht zur Faust geballt auf den stämmig breitwinkligen Oberschenkel gestützt, lugte der untersetzte Mann unter der Brille durch mit bedächtigem Ernst vor sich nieder und schwieg anhaltend bedeutsam in seinen aschgrauen Vollbart hinein.

Mit energisch zurückgelehntem Oberkörper überragte ihn gegenüber am selben Tisch in strammer Haltung sein hochansehnlicher Basler Landsmann und sozusagen Dichterkollege von der malenden Fakultät – seiner eigenen Jugendliebe – Arnold Böcklin.

Dessen vorwuchtende Augenknochen und bismarckisch pupillenfester Blick, die kurz auftrotzende Haarwelle vorn und der fast verächtlich hochgestrichene Schnurrbart zeugten, wiewohl heute zur ausgeglichenen Überlegenheit gemildert, von rauhem Künstlerkampf und Schicksalsgang stürmisch heldenhafter Jahrzehnte. Böcklin schaute klar und gerade vor sich aus, wie auf ein fernes Ziel innenäugiger Vorstellung zu, nicht getrübt durch weltfremde Schwärmerei, nur durch seelische Sammlung weltunbeirrt, schaute, schaute und schwieg, des heimlichen Sichverstehens mit dem bewährten Freunde und Trinkgenossen sicher, in den allmählich immer dunstiger werdenden gefüllten Wirtshaussaal hinein.

Da platzte plötzlich vom Nebentisch, dem Keller seinen episch breiten Rücken zukehrte, eine dramatische Lärmbombe prasselnd in die Luft:

»Laßt mich gefälligst mit diesem hochtrabend langweiligen Schiller in Ruh!« zeterte mit greller Stimme ein geschniegeltes junges Herrchen und, wie sich nachher herausstellte, frischgebackenes Studentlein beider Rechte, dessen Stirn freilich mehr auf kantige Sinnesenge als auf kantische Geistesweite schließen ließ, während der ausgiebige Mund sein Werk geräuschvoll verrichtete und vor allem eine unsagbar abschätzige Mundfalte dem aufgeblähten Gesicht den Stempel hemmungsloser Arroganz aufprägte.