»Das war doch der größte rhetorische Phrasenheld, der sich denken läßt, ein moraltriefender theatralischer Fanfarenbläser, nichts weiter, ein bombastischer Stelzengänger und Marquis Posa mühselig hochgepumpter Redensarten, ein selbstberauschter Wolkenkuckucksheimer, der mit seinem aufgedonnerten Jambenschwulst und seiner pathetischen Sentimentalität, mit seinem windigen kosmopolitischen Humanitätsdusel den kraftvoll und zielbewußt realistischen Sinn der deutschen Jugend auf mindestens ein Jahrhundert verpfuscht und verdorben hat … Ich habe gerade heute zum schwarzen Kaffee eine wirklich erstklassige, epochemachende Broschüre darüber gelesen, einfach katastrophal vernichtend für euren Idealgötzen, vom konsequent naturalistischen Standpunkt aus …« es zischte, spritzte und sprudelte dem pausbäckigen Bürschlein nur so heraus, daß seine Kameraden im Wortgeplänkel ihm gänzlich den Lauf lassen mußten und sich betreten ob der lauten Generalverdonnerung des karikierten Genius am Kragen zupften, wobei sie rings verlegene Blicke umherirren ließen.

Meister Gottfried, der während des frech-gewaltigen Geredes sich nur einmal, allerdings ziemlich verdächtig, nach dem Sprecher umgedreht hatte, tat noch einen letzten Zug, brummte zu Böcklin: »Sei so gut!« und legte den Zigarrenrest auf den näher geschobenen Aschenbecher behutsam ab. Auf einmal schoß ihm eine Blutwelle zu Kopf, rot wie der Seewein, die Zornesader schwoll: »So'n Scheißjunge, chaibe!« Er zerknüllte mit der Rechten sein Taschentuch und steckte es heftig in die hintere Rocktasche. Böcklin murmelte gelassen bremsend, leichthin: »Laß den Bengel!« Doch schon war der »gesatzliche« annähernde Siebziger wie ein Jüngling emporgeschnellt, rückte auf seinen kurzen Beinen mit dräuendem Schicksalstempo wutbebend auf den Nebentisch los und versetzte mit dem lakonischen Begleitspruch: »Ehrfurcht, Mosjöh!« dem rosig winkenden Bäcklein des Schillerzerschmetterers einen saftigen Streich von klatschender, klassisch-naturalistischer Wahrheit und Lebensgewalt.

Schleunig und scheu, selbst ohne zu zahlen, wie ein schmählich gezüchtigter armer Sünder und unfreiwilliger Zechpreller, drückte sich der zukünftige Anwalt der Gerechtigkeit lautlos seitwärts zur Nebentüre hinaus.

Gottfried Keller aber, ohne sich irgend umzusehen, kehrte von seinem handgreiflichen dichterpädagogischen Streifzuge zu seinem Tische zurück und pflanzte sich mit idyllischer Gemächlichkeit auf seinen warmen Platz, wo schon ein neues Schöpplein des wieder völlig beruhigten trinkfesten Altmeisters herzenskundiger und weltweiser Erzählungskunst harrte. Böcklin nickte bloß bestätigend: »Gut so!«, die Hottinger Seßhaften steckten, den jüngsten »Streich« ihres eigenlaunigen Ehrenbürgers einen Augenblick neugierig beschwatzend, die Köpfe enger zusammen, und ein »hierorts« unbekannter, gründeutscher Dichterstudent lachte in der Ecke verständnisvoll beifällig in sich hinein, wozu er ein Glas bräunlich mißfarbenen, aber prickelnd süßen »Sausers im Stadium« stillvergnügt hinunterschlürfte.


Klaus Groth

Von Carl Bulcke

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war ich Student in Kiel. Klaus Groth wohnte in seinem schönen Gartengrundstück am Niemannsweg, war nahe den Siebzigern, groß, hager, ehrwürdig und einsam – er sah übrigens genau so aus, wie ihn Hans Olde gemalt hat: der helläugige Blick grüblerisch und langsam. Wir Studenten verehrten ihn sehr. Diese Verehrung war indessen nicht ganz ohne Einschränkung: denn er galt für eitel.