Die Kieler Universität hatte, wohl nur um ihn und sich zu ehren, ihn in ihren Lehrkörper aufgenommen und zum Professor ernannt. Demzufolge war seit Jahr und Tag an dem Schwarzen Brett in der Vorhalle der Universität regelmäßig auch eine Vorlesung von Klaus Groth angekündigt. Das Thema lautete Jahr für Jahr: »Lessing und seine Zeit«. Und dazu stand: »Persönliche Anmeldung von 2–3 nachmittags.«
Um es gleich zu sagen: diese Vorlesung hat Klaus Groth nie gehalten. Geschah es, und es geschah oft, und es geschah auch mir, daß nachmittags zwischen zwei und drei ein Student sich zu ihm verirrte, so empfing ihn der Professor mit Wohlwollen unten in seiner »Kajüte« – so nannte er sein Arbeitszimmer, das nach alter holsteinischer Sitte troglodytenmäßig im Keller des Hauses lag – und erklärte, daß er diesmal leider die Vorlesung ausfallen lassen müsse, da sich außer dem Besucher niemand gemeldet habe. Es waren noch schöne alte Zeiten.
Also wollten wir eines Tages den Professor auf die Probe stellen und erschienen nachmittags zwischen zwei und drei gleichzeitig zwölf Mann hoch: So und so, und wir wollten alle die Vorlesung über »Lessing und seine Zeit« belegen. Einer war der Sprecher, wir andern hielten uns im Hintergrund.
Klaus Groth stand prachtvoll groß mit gesenktem Kopf vor uns, die hellen holsteinischen Augen grüblerisch geradeaus, und sagte mit Humor: »Ein Komplott, meine Herren. Sein Sie ehrlich und gestehen Sie, daß Lessing und seine Zeit Ihnen ganz egal ist, dann will auch ich ehrlich sein und Ihnen gestehen, daß auch mir Lessing und seine Zeit ganz egal ist. Sie wollen ja auch gar nicht, meine Herren, den alten Professor hören, Sie wollen sich ja bloß den alten Dichter ansehn. Na, und wenn ich nun jedem von Ihnen die Hand gebe und Sie später Ihren Kindern erzählen können, der alte Klaus Groth hat mir die Hand gegeben, so lassen Sie's damit genug sein.«
Sprach's, gab richtig jedem von uns die Hand, und gleich standen wir wieder vor der Tür.
Geschichte