Aus einem alten Kriege

Von Wilhelm von Scholz

Ho-Hang-Fen, ein chinesischer Schriftsteller aus der Zeit der dritten Dynastie, berichtet von einem sagenhaften Vorgang aus der Urgeschichte seines Reiches das folgende:

Zwei Volksstämme, die beide ihren Wohnsitz in der Küstengegend des Landes hatten und sich vom Fischfang, vielleicht auch schon vom Seeraub, nährten, gerieten miteinander in Streit. Sie hatten schon jahrelang eifersüchtig jeder die Fischzüge des anderen beobachtet, hatten einander oft Überschreitung der in Vorzeiten von ihren Vätern durch Verträge festgesetzten Meergebiete vorgeworfen, zerstörten sich gegenseitig oft heimlich des Nachts ihre Stellnetze und behaupteten schließlich jeder vom anderen, er »stehle ihm das Meer«.

Darüber war es erst zu kleinen Händeln zwischen einzelnen gekommen. Die Ältesten beider Stämme – die ihrem Lebensalter nach schon »jenseits des Fischfangs« standen und das Dasein als ein unaufhaltsames Vorüberfließen erkannten, in welchem der Fischfang wohl wichtig, aber nicht das Allerwichtigste sei – die Ältesten hatten es öfters noch vermocht, die Händel mit guten Worten zu schlichten. Aber sie konnten es nicht verhindern, daß sich unter den jüngeren Männern beider Stämme mehr und mehr die Überzeugung festsetzte, die Frage müsse einmal durch einen Waffengang entschieden werden.

Gedanken reifen allmählich die Tat. Es bedarf dazu nicht einmal des eigentlichen Willens. Gedanken haben eine gefährliche Fähigkeit, Ereignis zu werden, rein in sich. Sie führen eine unwirkliche Existenz hart an der Wirklichkeit hin und sehnen sich aus dem Hungerdasein im Geiste fort, möchten sich mit Leben nähren.

Hundert Jahre hatte der Gedanke und die Vorstellung dieses Krieges unsichtbar in den beiden Völkern gelebt, ohne daß sich in der schwer und langsam fließenden Wirklichkeit eine Raumleere fand, wo er einschießen und Ereignis werden konnte. Aber die Vorstellung nutzte diese hundert Jahre wohl, um sich immer mehr zu befestigen, auszubreiten und ins einzelne zu entwickeln. Sie knüpfte da und dort mit den Begebenheiten Verbindungen und Beziehungen an, sie wurde in den Seelen ein unverrückbarer Glaubenssatz.

Dann hatte eine in der Nähe der Küste hinziehende, ihre Bahn plötzlich ändernde Meeresströmung einmal die in einer seichteren Bucht ausgestellten Netze des einen Volksstammes fortgeführt in die Meeresweite hinaus. Die geschädigten Fischer hatten Fischer des feindlichen Nachbarortes beschuldigt, da sie die gewaltige und übermenschliche Ursache des Vorganges nicht begreifen und einsehen konnten. Es kam zu ernsten Streitigkeiten der einzelnen, denen auf beiden Seiten ihre Stammesgenossen zu Hilfe eilten. Jetzt besannen sich alle Köpfe in den beiden Ländern auf den alten Gedanken einer Waffenentscheidung zwischen den Stämmen, wie auf eine Prophezeiung oder eine vorhergesagte Notwendigkeit. Und die alte Vorstellung hatte plötzlich die Gewalt eines Schicksalsbefehls, dem sich niemand entziehen konnte. Auch in dem Verstande derer, die jetzt die Ältesten waren, und die in gealterter Weisheit und dem ruhigen müderen Gange ihres Blutes über den Kriegsgedanken oft gelächelt hätten, herrschte er auf einmal.

So wurde der Krieg Ereignis, wütete auf den unfruchtbaren Dünenfeldern, durch welche die Grenze beider Stammlande ging. Er wütete lange unentschieden hin und her, da beide Stämme nicht nur fast gleich stark waren, sondern in der langen Herrschaft des Gedankens an diesen Kampf auch sehr kriegerisch geworden waren. Auch Reichtum und Fülle war bei ihnen eingekehrt, so daß sie immer neue Hilfsquellen und Kräfte zur Verlängerung des Waffenganges in sich entdeckten.