Der Krieg hatte schon manchen Mondumlauf gewährt, Tausende junger Männer waren auf beiden Seiten in das windüberwehte Dünengras gesunken, und noch immer zeigte sich keine Entscheidung, keine Aussicht auf Wiederherstellung des Friedens. Da geschah eines Tages das Wunderbare, das die beiden Stämme in weniger als einer Stunde zu Verbündeten machte. Ein dritter Gegner erschien auf der Walstatt: das Meer.

Während eine Küstenschlacht tobte, verfinsterte sich Himmel, Meer und Erde mit schwerem, wuchtendem Gewölk. Unheimlich schossen in der wie durch Zauber eingebrochenen Nacht die Scharen der weißen Sturmvögel unter den Wolken umher wie aufgeflogene Schaummähnen der höher und höher anschwellenden und sich überschlagenden Wellenrosse, so daß mancher der Kämpfer auf Augenblicke das Gesicht von seinem Gegner weg und dem Meere zuwendete, zu dem er im Frieden täglich hinaussah, dessen Laune ihm Arbeit und Feierzeit bestimmte, aus dessen Tiefen sein Dasein floß. Ein ungeheures Donnern, Rollen, Dröhnen wanderte in den Wassergründen und jetzt auch unter dem flachen Lande hin; so, als rannten die Meergottheiten der Tiefe in ihrer purpurnen Nacht mit riesigen erzenen Balken gegen die unterseeischen Gestadefelsen. Dann erhob sich landeinwärts wehender, fliegender, jagender, mit ungeheurer, unentrinnbarer Kraft drängender und drückender Sturm. Das Meer schäumte nicht nur in weißen Kämmen auf, es schien weithin eine einzige weiße Schaummasse. Unübersehbare Wogen- und Wellenscharen rannten, stürzten, brachen heran. Sie stießen wie bei der beginnenden Flut, wenn die Ebbe vorüber ist, nach jedem Zurückrollen weiter ins Land vor; aber viel drohender, wuchtiger, schneller als bei der gewöhnlichen regelmäßigen Flut, so daß es oft schien, als stieße die vorgerollte Welle gar nicht wieder zurück, sondern bleibe im Lande stehen, bis die nächste kam, sie mit flachem Hinzischen weit zu überholen und höher ins Land mitzunehmen.

Aber das war noch nicht das Furchtbare. Das stand draußen in der Nacht von Wolken und Wasser als ein immer mehr aufsteigender und durch sein unaufhaltsames, fußloses Herankommen bis zu seiner grausig-wirklichen Greifgröße anwachsender Flutberg, der bald mit seiner Schattenschwärze die schwarze Wolkendecke zu streifen, dann schon die niederhängenden Gewölkfetzen abzureißen und in seinen Wogengang einzuschlingen schien.

Wenn man noch vor Stunden die Kämpfenden hüben oder drüben gefragt hätte, wann wohl der Friede kommen würde, so hätten sie die Achseln gezuckt und gesagt: Das weiß noch niemand.

Jetzt aber kam der Friede.

Schon daraus, daß sich mehr und mehr Augen der Kämpfenden vom Gegner fort und hinaus in die ungeheure Meerwetternacht wandten, war das Tosen und Gebrüll des Kampfes schwächer geworden, verebbt, fast verstummt. Die nicht mehr vom Auge geführten Schwerter und Äxte schlugen noch wenige Momente; aber sie schlugen ins Leere und trafen keine Gegnerwaffe, keinen Schild mehr. Dann sanken sie – als hätte sich ihr Gewicht um den allgemeinen Schrecken vermehrt und sei nun zu schwer für die Muskeln, die sie eben noch schwangen – da, dort, an vielen Stellen in schlaffen Armen herab.

Das unterirdische Rollen dröhnte aus dem erbebenden Erdboden in die unheimliche plötzliche Waffenstille. In Gruppen erstarrt standen die Kämpferscharen.

Und dann kam irgendwoher der Ruf: »Die Flut!« Ohr nahm ihn auf und Auge. Und jeder Mund gab ihn weiter, mehrte seinen grausigen Schall. Er klang von allen Seiten, erst einzeln, dann zusammen wie ein Gebrüll des Entsetzens. Wie eine einzige Volksstimme; denn das Wort »Flut« war in den Sprachen der beiden Nachbarstämme noch dasselbe und unterschied sich nur wenig in der Aussprache.

Die Scharen, die dem Meer am nächsten waren, wandten sich zur Flucht und stürmten, wie Tiere des Urwaldes vor einem Waldbrande, in wirrem Durcheinander davon, den höheren Dünenwällen zu. Was war jetzt Freund und Feind? Hier riß ein Mann den neben ihm stürzenden Feind hilfreich wieder hoch, ja einer schleppte gar einen verwundeten Gegner eine Strecke weit mit sich; dort stieß ein anderer seinen Stammesgenossen zu Boden, weil er ihm den Lauf behinderte. Und immer wieder, wenn die Fliehenden auf noch erstarrte, weiter zurückstehende Scharen stießen, schäumte wie eine gräßliche Brandung von Schall der Ruf auf: »Die Flut!«