Denn schon fühlte er sich einen Knebel in den Mund gestoßen und eiserne Schließen an die Gelenke gelegt. Wie in einem Räuberroman war's. Kein Wort wurde laut, und ehe Herr Larousse sich's versah, saß er im Pferdesattel eng zwischen zwei Dragonern, die mit ihren Armen unter die seinen faßten.

Und fort gings in gestrecktem Galopp auf der winterlichen Landstraße, zwischen verschneiten Hügeln mit den Flecken dunkler Gehölze, vorüber an Gehöften, wo die Hunde ängstlich knurrten, über Brücken und durch verschlafene Dörfer, in gestrecktem Galopp immer fort. Der arme Kaufmann verfiel zuletzt in jene todähnliche Betäubung, aus der er erst – im Grabe wieder erwachte.

Denn ganz an eine Gruft erinnerte das Gelaß, in dem er, ahnungslos, wie lange seine geistige Lähmung gedauert hatte, zur Besinnung kam. Nackte Mauern, zwei plumpe, mit Ketten befestigte Stühle, ein rohgezimmerter Tisch und eine hölzerne Lagerstatt: das waren die Gegenstände die er in dem schwachen Licht erkannte, das durch eine schmale Luke aus der Höhe herab spärlich in den trostlosen Raum sickerte. Er mußte sich besinnen, was mit ihm vorgegangen war. Aber umsonst suchte er nach einer Erklärung der furchtbaren und rätselhaften Ereignisse. Sein Kopf war düster wie die Gruft, die ihn umschloß. So versank er in ratloses, dumpfes Brüten. Und Stunden mochten so hingehen. Stunden oder Ewigkeiten: er hätte es nicht zu sagen gewußt. Ein Geräusch ermunterte ihn. Er hörte Schlüssel drehen und Riegel sich verschieben und eine schwere Tür in ihren Angeln knarren. Dreimal wiederholte sich das. Denn drei schwere Türen führten in seinen unterirdischen Kerker. Nach Öffnung der letzten Tür wurde wirklich ein lebendiger Mensch sichtbar. Er trug am Gürtel ein Gehäng mit gewaltigen Schlüsseln. Ein Gehilfe, der ihm auf den Fuß folgte, setzte ein Brett mit einem vollständigen Mittagsmahl auf den Tisch.

Von dem Schließer erfuhr der Kaufmann, daß er in der Bastille sei.

So hatte Herr von Berryer die ihm drohende Gefahr beseitigt. Auch in anderer Richtung wußte er der Ungnade des Hofes energisch vorzubeugen. Seine strengen Maßnahmen in der nächsten Zeit nach dem Attentat des Damiens fanden ganz die Billigung des Königs, der seinem Polizeichef dafür so dankbar war, daß er ihn bereits ein Jahr darauf, obwohl Herr von Berryer in seinem Leben noch nie ein Schiff gesehen hatte, zum Minister der Marine ernannte, wie in jedem Kompendium der französischen Geschichte zu lesen ist. Herr Larousse aber war in der Bastille und blieb darin. Erst der berühmte vierzehnte Juli des Jahres 1789 gab ihm die Freiheit; gab ihm aber weder seinen Verstand wieder, den er verloren, noch sein geliebtes Weib und seine schönen Kinder, auf die sich sein braves Herz so unsäglich gefreut hatte, als er vor dreiunddreißig Jahren, am Vorabend der heiligen drei Könige, an der Bastille vorüber durch das Tor von Vincennes in die frühe Winternacht hinausgefahren war, nicht nur vom Vorgefühl des Ersehnten, sondern auch von dem Gedanken beglückt, den König gerettet und dem Vaterland still und bescheiden einen außerordentlichen Dienst erwiesen zu haben.


Napoleons größter Sieg

Von Walter von Molo