Ob dieser Lakai nun seinen Herrn von dem Begehren des Fremden wirklich benachrichtigt, oder ob er dem Kaufmann nur eine kleine Komödie vorgespielt hat – kurz, er kam nach einigen Minuten zurück mit dem Bescheid: Der Herr Polizeileutnant lasse Herrn Larousse bitten, ihm, wenn es möglich sei, um elf Uhr die Ehre zu geben. Larousse begab sich nun in das benachbarte Café Procope, dessen literarische und sonstige Stammgäste zu dieser Stunde noch schliefen. Dort ließ er sich eine Schokolade und dazu Tinte und Feder geben und verfaßte mit großer Sorgfalt einen Brief an Herrn von Berryer, da ihm schwante, daß er auch um elf Uhr nicht vorgelassen werden könnte. »Euer Gnaden, der König ist in Gefahr,« so begann der Brief und erzählte darauf Wort für Wort das erlauschte Gespräch.

Herr Larousse hatte richtig geahnt; als er wenige Minuten nach elf im Vorzimmer Seiner Gnaden erschien, hieß es, der Statthalter des Königs sei augenblicklich von wichtigen Geschäften in Anspruch genommen. Den Brief des Kaufmannes aber wollte der Lakai gerne abgeben. Umsonst erwartete Herr Larousse danach, zur näheren Auskunft vorgelassen zu werden. Eine Stunde verging, es vergingen zwei, es vergingen drei Stunden, worauf man dem Kaufmann bedeutete, Herr von Berryer sei plötzlich in einer dringlichen Angelegenheit ausgefahren und heute nicht mehr zu sprechen. Ob Seine Gnaden den Brief gelesen hätten, wußte der Lakai nicht zu sagen; der Kaufmann aber zweifelte nicht daran, denn sicher bestand zwischen der Lektüre des Briefes und der plötzlichen Ausfahrt des allmächtigen Polizeileutnants ein ursächlicher Zusammenhang. Dabei beruhigte sich Herr Larousse, und da etwas vor fünf die Lyoner Post abging, wofür er sich am Vorabend bereits einen Platz gekauft hatte, nahm er in aller Eile einen Fiaker und fuhr (sein Felleisen hatte er in der Frühe schon hin befördert) nach der Posthalterei von St. Severin nah beim Justizpalast, wo er gerade ankam, als der Postillon das letzte Signal zur Abfahrt blies, während in der Kutsche die Reisenden in dicken Mänteln sich zurechtrückten, und der Stallbursche mit krummen Knien im Schnee stand und heftig die Arme übereinanderschlug, um sich gegen die Kälte zu wehren.

In der Vorstadt von St. Anton schlug die Uhr das erste Viertel nach Fünf, als der wackelige Postkarren, an der Bastille vorbei, über den knirschenden Schnee rollte, dem Tor von Vincennes zu. Trotz der beißenden Kälte ließ es sich der junge Postillon nicht nehmen, das finstere Staatsgefängnis drüben, das bei der hereinbrechenden Nacht sich nur unbestimmt vom schwarzen Himmel abhob, auf seinem Horn mit einer lustigen Weise, wie er immer pflegte, neckisch zu begrüßen, indessen im Innern der Kutsche Herr Larousse, gehoben von dem stolzen Gefühl, den König gerettet und dem Vaterland still und bescheiden einen außerordentlichen Dienst erwiesen zu haben, sich aufs neue dem beglückenden Vorgenuß eines zärtlichen Wiedersehens hingab. In derselben Viertelstunde aber geschah draußen in Versailles die Tat, die den guten Parisern, trotz aller Verstimmung gegen den König, so entsetzlich schien, daß zuerst niemand daran glauben wollte.

Der König, der zu dieser Zeit das Trianon bewohnte, war um vier Uhr nachmittags nach dem Schloß gefahren, um seinen beiden Töchtern, deren eine, die Gräfin von Provence, etwas kränkelte, einen Besuch abzustatten, wie er fast täglich zu tun pflegte. Genau ein Viertel nach Fünf verabschiedete er sich von den Prinzessinnen. Er nahm beim Herabsteigen die kleine Treppe, da er fast ohne Gefolge war. Zwei Fackeln wurden ihm vorgetragen. Als er, unten angelangt, schon den Fuß erhoben hatte, um in den Wagen zu steigen, sah sich der nächststehende Oberst der Leibwache plötzlich mit einem Ruck auf die Seite geschoben, und der König fühlte etwas wie einen Faustschlag auf der linken Brust. Er fuhr nach der Stelle und griff in Blut. »Ich bin ermordet,« rief er, »haltet den Täter!« Der war schon ergriffen: ein großer, starker Mann in schwarzem Anzug mit einer Beutelperücke auf dem Kopf.

Dies war der Vorgang bei dem bekannten Attentat des Hausknechts Damiens auf Ludwig den Fünfzehnten; und wenn man auch heute weiß, daß der König dabei nur ganz leicht verwundet wurde, so war doch zunächst alles zu befürchten und der Schrecken und die Verwirrung ungeheuer.

Die erste amtliche Nachricht, die nach Paris abging, war an Herrn von Berryer gerichtet. Der reitende Kurier fand den hohen Polizeibeamten bei der Baronin von Breteuil, seiner anerkannten Geliebten, wo er in großer Gesellschaft bei Tische saß. Gerade wurde der sechste Gang, ein getrüffelter Pfau, aufgetragen, als sich die Staffette meldete. Man denke sich die Bestürzung der illustren Gesellschaft. In eiliger Hast verabschiedete sich der Königsleutnant, um seines Amtes zu walten. Das heißt: um im weitesten Umfang und mit äußerster Strenge alle die Maßregeln zu treffen, die eine hohe Polizei mit Sicherheit immer anzuordnen pflegt, wenn ein Unglück geschehen ist. Herr von Berryer war um so verwirrter, als der Brief, im Namen des Königs geschrieben, einen Zusatz enthielt, der sich wie eine erste Andeutung allerhöchster Ungnade ausnahm. »Auf daß es Euch nicht etwa einfallen mag,« hieß es da, »zu uns nach Versailles zu kommen, verbieten wir Euch ausdrücklich, unsere Stadt Paris für die nächste Zeit auch nur auf einen Augenblick zu verlassen.« Das war mehr als genug, um den Königsleutnant in einen Zustand der Verzweiflung zu versetzen.

Während nun sein schwergebauter Wagen über das holprige Pflaster in heftigen Schwankungen dahinfuhr, und seine Seele in tausend Ängsten und Befürchtungen schwebte, fiel ihm plötzlich der Brief des fremden Kaufmanns ein, den er am Vormittag zu sich gesteckt, aber zu lesen vergessen hatte. Er zog das Schreiben hervor und überflog es. Und so erschrak er, daß die zitternde Hand das Blatt zu Boden fallen ließ. »Ich bin ein verlorener Mann,« rief er aus. »Der Mensch wird plaudern; ich bin unrettbar verloren.« Ein paar Sekunden saß er wie erstarrt. Dann kam ihm ein rettender Gedanke; er klopfte heftig an den Wagenschlag. Der Wagen hielt, und schon war auch der Jäger vom Bock gesprungen und stand, des Befehles gewärtig, den Federhut in der Hand, vor dem Schlag. »Kaserne St. Eustache, eilig!« befahl Seine Gnaden; und der Wagen setzte sich wieder in Trab.

Die Lyoner Postkutsche hatte in dem Städtchen Pansou zum drittenmal die Pferde gewechselt und wollte eben mit ihren drei Insassen sich langsam wieder in Bewegung setzen, als plötzlich ein Trupp galoppierender Reiter die Straße herunter gegen sie heransprengte. Im Nu war der Wagen von den berittenen Gardisten umstellt. »Der Kaufmann Larousse aus Lyon!« rief der Gefreite.

Ein eigentümlicher Glücksschauder durchrann in diesem Augenblick die Seele des Lyoner Kaufmanns, der aus seinen Gedanken an die zu Haus harrende junge Frau und die schönen Kinder wie aus einem lieblichen Traum emporfuhr. Aber nur, um in einen noch zauberhafteren einzutreten. Wie eine blendende Phantasmagorie tauchte es ihm vor den Augen auf. Kristallene Kronleuchter mit Tausenden von Kerzen flammten und vervielfältigten sich in Spiegeln bis ins Unabsehbare, auf goldgestickten Westen blitzten diamantene Sterne, nackte Frauenschultern leuchteten über Sträußen von Blumen, seidene Kleidfalten knisterten, Atlasschleppen rauschten; plötzlich ein allgemeines Knixen und Verbeugen: Der König! Denn der gute Kaufmann dachte, daß die Boten des Königs ihn einholten und ihm eine großartige Belohnung bevorstehe. Aber nur ein Wimperzucken lang stand ihm die beglückende Fata Morgana vor dem Blick.