Alles, was preußisch in ihm war, sträubte sich hoch, und alles, was christlich war, nicht minder. Und der General war sehr preußisch und sehr christlich.

Was tun? Ganz abgesehen von dem Bilde, das sein Stab abgab, wenn ein Jude als Ordonnanzoffizier darin auftrat: wenn er, er, der General R–, einem Juden in den Offiziersstand verhalf, wankten die Grundfesten des Staates. Das war klar. Mochten andere tun, was sie verantworten konnten; da war er denn doch ein preußischer General.

Er ritt sogleich zum Rittmeister. »Haben Sie denn das gewußt, daß K– Jude ist?« rief er, – – »Jawohl habe ich das gewußt,« sagte der Rittmeister ruhig. »Aber dieser Jude weiß, was der Offiziersstand von ihm verlangt. Ich kann nicht finden, daß sein Glaube in irgendwelcher Weise seine Tapferkeit, seine Kenntnisse, seinen Anstand, alle jene Vorzüge beeinflußt, die der Herr General selbst, wie ich höre, an ihm oft genug gerühmt haben.«

»Das ganz gewiß nicht! gewiß nicht!« erwiderte der General »aber –: er hat doch Eigenschaften, die –, ich meine: jüdische Eigenschaften, die –«

»Nicht, daß ich wüßte,« sagte der Rittmeister, »übrigens darf ich höflichst darauf hinweisen, daß der Herr General – bisher wenigstens – von diesen jüdischen Eigenschaften nichts bemerkt haben.«

Das war richtig. Wie war es aber auch nur möglich gewesen, daß er nichts bemerkt hatte!

»Sie wollen sich also nicht verstehen, Ihren Beförderungsvorschlag zurückzuziehen?«

»Aber Herr General!« sagte der Rittmeister, »Sie selber haben den Vorschlag doch einverlangt! Und wie sollte ich einen Beförderungsvorschlag für einen Untergebenen zurückziehen dürfen, den ich nach Pflicht und Gewissen eingereicht habe? Der Vizewachtmeister, der gestern ein so vortrefflicher Mann war, ist heute kein andrer, weil er ein Jude ist.«

Der General ging. So war nichts zu machen. Wenn er nicht den Rittmeister überzeugen konnte, daß K– ganz unerträglich jüdische Eigenschaften habe, würde er ihn nicht vermögen, den Beförderungsvorschlag zurückzuziehen. Aber der Rittmeister war doch nicht blind. Und K– mußte doch derartige Eigenschaften haben. – Der General zog die Weitergabe des Beförderungsvorschlags eine Zeitlang hin. Noch immer hoffte er den Rittmeister zu entwaffnen.

Tagtäglich fast verhandelte er den Fall. Und immer spielten die jüdischen Eigenschaften, die er an seinem Ordonnanzoffizier entdeckt haben wollte, die Hauptrolle in seinen Argumenten. Aber wenn er sie benennen wollte, so hatten sie Namen wie andere Eigenschaften und schienen ihn höhnisch anzusehen, als ob sie sagen wollten: auch du hast Eigenheiten. Und dennoch: der Vizewachtmeister hatte eben jüdische Eigenschaften, die bei einem preußischen Offizier ganz unerträglich zu denken waren. Davon biß keine Maus einen Faden ab.