So lief die Sache eine Woche oder zwei. Eines Tages hatte der General den Rittmeister wieder bei seinem Gegenstand. »Sie mögen mir sagen, was Sie wollen«, sagte er zu ihm, »K– hat jüdische Eigenschaften, eigentlich nur jüdische Eigenschaften! Sie müssen zugeben, daß er jüdische, unerträglich jüdische Eigenschaften hat!«

Der Rittmeister bedachte sich. So, wie es bisher gegangen war, kam er nicht weiter.

»Tja! Herr General,« sagte er auf einmal fast verwundert, »da er doch ein Jude ist, was soll denn der junge Mann andere Eigenschaften haben als jüdische?«

Da geschah etwas Merkwürdiges. Es erging nämlich dem General wie dem Knaben beim Tauziehen, der, fest gegen die Erde gestemmt, mit aller Kraft den Gegner zu sich herüberziehen will; jener aber läßt urplötzlich das Seil fahren. Der General fühlte sich am Boden. Er hatte zwar eine unbestimmte Empfindung, als ob bei diesem Sieg und dieser Niederlage nicht alles mit rechten Dingen zugehe, aber er vermochte es nicht zu fassen. Daß er der Sieger war, entging ihm. Die Tatsache, daß ihm der Boden entzogen war, blieb.

Er wußte nicht recht, wie ihm war. »Wenn Sie also wirklich meinen,« sagte er kleinlaut. Und da der Rittmeister bejahte, ging der General an den Tisch und schrieb, noch immer benommen von einem Beweis, der sich so seltsam gegen ihn zu wenden schien, ein »befürwortet« unter das Gesuch zur Beförderung des Juden.


Schwaben

Von Oskar Wöhrle