Auf einer Landstraße Russisch-Polens traf ich drei schwäbische Landsturmleute, die einen meuchelnden Russen mit den bloßen Fäusten hatten totschlagen müssen, weil der Kerl so schnell und hitzig und ihnen so nah am Leibe war, daß sie zu keiner Waffe hatten greifen können.
Diese drei Soldaten standen um einen jungen Storchen herum, den der Sturm des Morgens aus dem Neste geworfen hatte. Hilflos lag das Unglückstier da, halbnackt, nur dürftig den Leib mit Fläumling bedeckt, und sperrte den jungen, gelben Schnabel weit auf vor Hunger und Angst. Einer der Männer sagte: »Wir müssen ihn wieder ins Nest bringen, sonst verreckt er.« Aber das Nest hing hoch; die Pappel, darauf es stand, war dick und dünnastig; sie zu erklettern eine heillose Arbeit und konnte das Leben kosten. Einer von den dreien wagte es doch und brachte den Jungen glücklich hinauf. Die Alten flogen in weitem Bogen um den Baum herum und plapperten zornig mit den Schnäbeln.
Als der Soldat wieder drunten war, schulterten die drei das Gewehr, sagten mir »Grüß Gott« und gingen davon.
Merkwürdig! dachte ich, wie der Mensch doch beschaffen sein kann. In einem Atemzuge tötet er und setzt nachher sein Leben aufs Spiel, eines Nichts wegen.
Und ich heftete meinen Blick auf die Männer, bis ihre Bilder im Dunste des Himmels verschwunden waren.
Der Intellektuelle
Von Peter Scher
Herr von X., ein wohlhabender Privatmann, sah sich, ehe es ihm recht zu Bewußtsein gekommen war, über Nacht als Landsturmmann im Kreise von Männern, zu deren äußeren Verhältnissen und innerem Wesen er soviel Beziehungen empfand, wie sich ihm etwa bei unvermitteltem Zusammenleben mit Marsbewohnern ergeben haben würden.